Über Chirurgenwelpe

Wird Chirurgin, ist Notärztin.

Nur mal so, aus Interesse…

… und weil es jederzeit gegen euch verwendet werden könnte…

Neiiiin. Ich hab da ein paar Fragen. Wär schön, wenn Ihr Lust und Zeit habt zwei Sätze dazu zu sagen und/oder ein Kreuzchen zu machen.

Denkt Ihr, Blogs von und für Mediziner bewirken im deutschsprachigen Raum irgendwas?

Kennt Ihr diese Ami-Blogs von Ärzten, die total kompetent und supi und berühmt sind? Warum gibts das bei uns nicht? Wieso müssen wir immer heimlich und mit Pseudonym bloggen?

Jahresrückblick 2013 und Ausblick 2014

Jetzt ist das neue Jahr ja schon über eine Woche alt, höchste Zeit, das alte standesgemäß zu verabschieden.

Also:

“Tschö, wa!”

Zusammengefasst lässt sich sagen: War so mittel. Oder, wie ein liebreizender Freund ausdrückte: “2013 war so, dass wir drauf hoffen können, dass 2014 besser wird”.

Blogmäßig war es ja wirklich eine Schande, das vergangene Jahr. Aber irgendwie passt die nicht vorhandene Bloggerei auch so ein bisschen zu meinem 2013-Gefühl. Nicht so richtig viele Highlights. Immer der gleiche Trott. Same shit, different day. Man rödelt so in seinem Alltag vor sich hin und dann ist es plötzlich vorbei.

Also, wenn man jetzt mit liebevollen Augen guckt, dann gab es doch ein paar tolle Momente. Ich war zum Beispiel in Japan und bin dort ein paar Tage herumgereist. Voll schön, aber auch arbeits-related und deshalb irgendwie auch nicht richtig schön. Ich war in München, zum Chirurgenkongress, auch das war schön und aufregend. Ich habe gute Zeit mit tollen Leuten verbracht, ein paar Twitter-Lieblinge persönlich kennengelernt, ich hab den See hier um die Ecke entdeckt und auch sonst gab es gute Momente. Aber ich muss sie halt suchen, die Highlights. Die meiste Zeit hab ich mich so vom Alltag mitschleifen lassen.

Hab das Gefühl, dass ich nicht so richtig aktiv mein Leben gestaltet hab. Aber wenigstens das wird sich ändern. Leute, 2014 wird spannend: Im Februar geh ich Skifahren, im März zum Chirurgenkongress – diesmal nach Berlin, und über meinen Geburtstag, yay -, im April geb ich meine Doktorarbeit ab (jetzt stehts hier schwarz auf weiß, jetzt hab ich wirklich keine Ausrede mehr), im Mai hab ich frei, im Juni fang ich einen neuen Job an (weiß noch nicht wo, falls jemand ne nette Unfallchirurgie mit Hubschrauberoption kennt, so möge er sich melden), und dann muss ich wahrscheinlich erstmal durchatmen und sagen: Wow, 2014, jetzt schalt mal nen Gang runter…

so wird das, ganz bestimmt! Ich freu mich drauf.

Kurzes Update

Hab Urlaub. Also als allererstes meine Fingernägel lackiert. Dann ordentlich Sektchen eingebaut. Am nächsten Morgen (also vorhin) an irgendetwas erinnert. Was total schön war. Mein Herz gewärmt hat. Was ich total mochte. Was fast oder doch tatsächlich eine Konstante in den letzten viereinhalb Jahren gewesen ist:

Ich hab ja mal gebloggt, früher! Stimmt ja! Arrrr… immernoch über 200 Klicks am Tag, obwohl ich seit 8 Monaten nichts geschrieben hab. Direkt wieder diese Herzwärme.

Und bevor ich jetzt meinen Rucksack nehme und hoffentlich zeitnah nicht nur Herz- sondern auch Umgebungswärme spüre, sei gesagt:

Alles wie immer. Mal gräme ich mich, mal freue ich mich bei der Arbeit im wildesten Maximalversorger Deutschlands.

Ich bastele heimlich an einem eigenen neuen Blog für den bekloppten Plan und habe so absurdes Fernweh, dass ich es kaum noch aushalte.

Ich habe immernoch nicht promoviert, wiege immer noch gefühlte 5 kg zu viel und habe meine Steuererklärung für dieses Jahr immer noch nicht abgegeben. Ihr habt also nix verpasst.

Aber vielleicht blogge ich jetzt wieder öfter. Das hab ich nämlich *wirklich* vermisst.

Weihnachtsferien

Weihnachten. Da fahren sie alle nach Hause. Sogar der ultracoole, abgeklärte, nie nervöse Notarzt-Oberarzt kriegt Rehaugen und fährt zu Mutti aufs Land. Ernsthaft, ich glaube alle, die keine eigene Kernfamilie gegründet haben, fahren in ihr altes Dorf zurück, schlafen auf ihren 90 cm-Matratzen im alten Jugendzimmer und geben sich die Überdosis Familienidylle.

So hat die komplette Familie Chirurgenwelpe es auch gemacht. Ich hatte frei über die Feiertage. Dachte ich. Da wusste ich noch nicht, dass ich Verwandten- und Freundesprechstunde haben würde. Ich hatte quasi 72 Stunden Bereitschaftsdienst.

Es fing ganz harmlos an. Beim Überbringen der Weihnachtspost an die Nachbarn musste ich kurz ein paar Unklarheiten aus einem Arztbrief übersetzen. Kein Problem. Dauert ja nur 5 Minuten. Und dann aber die Krankengeschichte mir auch nochmal ausführlich anhören. Zurück bis hin zur Appendektomie Ende der fünfziger Jahre. Gut. Wurde dann wohl eine halbe Stunde. Naja. Abends, beim Verwandtenessen, war der Blutdruck von Tantchen, seine Ursachen und mögliche Therapieoptionen (T:”vielleicht doch Globuli?” CW:”WAAAH!”) so lange Thema, bis ich nur noch halb scherzhaft die Praxisgebühr eintreiben wollte. Nur ganz kurz haben wir dann noch Ommas rezidivierende Harnwegsinfekte beim Nachtisch besprochen. Wirklich nur kurz.

Nagut. Es nähert sich nun der Heiligabend, die Familie Chirurgenwelpe ist sehr besinnlich aus der Dorfkirche zurückgekehrt und hat sich weniger besinnlich schon das ein oder andere Weinchen eingebaut. Die Bescherung naht. Es ist ungefähr halb acht. Das Telefon klingelt. Ich gehe ran. “Ah, schön das du da bist… habt ihr schon Bescherung?” Eine Freundin meiner Mutter. Es entspannt sich der folgende Dialog:

Chirurgenwelpe: “Ah, hi, schön dich zu hören, nee, gleich erst, frohe Weihnachten.”
Mutterfreundin “Jaja dir auch”

CW: “Soll ich dir die Mama geben?”

MF: “Nee, warte ich geb dir mal meine Tochter, die Karla” (gut dass sie den Namen dazugesagt hat, hätte ich nämlich spontan nicht mehr parat gehabt).

K: “Hallooo…”

CW: (skeptisch) “Hallo?”

K: “Ja du, ich wollte nur kurz wissen, ich hab ja diese Gallensteine, und jetzt mit dem fettigen Essen über die Feiertage, blablablablablablabla”

CW: “…”

Tja. Ein Viertelstündchen haben wir dann über Ernährung und Pros und Kontras der Cholezystektomie diskutiert. Dann war Bescherung.

Am 25. und 26. 12. rottet sich ja traditionell vieles an Bekannt- und Verwandtschaft zusammen.

“Äh, ich bin in der 20. Woche schwanger, soll ich mich gegen Vogelgrippe impfen lassen?”  - “KEINE AHNUNG!”

“Äh, ich hab da grad kein Rezept da, könntest Du evtl. kurz in der Apotheke vorbeifahren und mir die Pille besorgen?” – “äh… na KLAR”

“Äh, der Schwippschwager von meinem Hund hat sich den Arm gebrochen, kannst Du mal kurz über die Röntgenbilder schauen…?” “….”

Nächstes Jahr wünsche ich mir den Heiligabend-24-Stünder in der Klinik, da hab ich wenigstens meine Ruhe…

 

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Disclaimer: In Wirklichkeit freue ich mich natürlich darüber, dass ich ein friedliches Weihnachtsfest im Kreise meiner Liebsten verbringen durfte, bin dankbar für meine heile und gesunde Familie und wünsche mir noch viele solche und ähnliche Feste. Das macht sich nur vom Spannungsbogen her nicht so gut… wisst ihr ja.

Ich hoffe ihr hattet es auch alle schön.

Sprechstunde

ächt jetzt, ich könnte mich niemals niederlassen. Setzt mich einen Tag in die Sprechstunde, und ich bin für Wochen bedient und mein Therapeut hats arg schwer.

Naja, heute war ich fällig, weil unser eigentlicher Vollzeit-Sprechstunden-Kollege (wie er das aushält, bleibt mir ein Rätsel) Urlaub hat und wir Assistenten da jetzt alle abwechselnd einen Tag hinmüssen.

Patienten aufklären, Verbände wechseln, OP´s planen, blablablabla chrrrr…

was währenddessen heute in meinem Hirn los war:

- Weltreise. Natürlich. Denke über Orte und Möglichkeiten und einen Namen für das dazugehörige Blog nach.

- Neues Rezept. Was mit Kürbis und Blätterteig. Ist grad im Ofen. Mal schauen wie es wird.

- Weihnachtsgeschenke für Eltern, Geschwister, Freunde, Mitbewohner, Kollegen

- die Situation im nahen Osten und wie gruselig ich das finde und wie ich das Gefühl habe dass nur ganz selektiv in den Medien berichtet wird.

- die Situation in Syrien und wie gruselig ich das finde und wie ich das Gefühl habe dass nur ganz selektiv in den Medien berichtet wird.

- die OP-Berichte, die ich noch schreiben muss. Ich freu mich ja, dass ich im Moment so viel randarf, aber dieser Papierkram macht mich wahnsinnig.

- ob ich dem neuen Anästhesisten seine Inkompetenz verzeihe, weil er so süß ist?

- ob auffallen würde, wenn ich nach jedem Patienten ne Kaffeepause mache, weil die neue Gala im Aufenthaltsraum rumiegt…

- meine Steuererklärung. Gibt es jetzt eigentlich noch Lohnsteuerkarten?

- …

Naja. Und 14 Patienten hab ich gesehen. Möchte nie mehr reden. Mein Mund ist ganz trocken. Mimimi.
Dafür hat mir heute eine Patientin Kekse mitgebracht. Voll schön. Weil ich so ein lieber Arzt bin. Na also, geht doch. Und morgen darf ich wieder in den OP. Da ist es doch am schönsten.

I had a dream last night…

… und als ich aufgewacht bin, war sie immer noch da, meine bekloppte Idee:

In nicht mehr allzulanger Zeit (na gut, noch 2 Jahre, aber was ist das schon) wird der Chirurgenwelpe ein ausgewachsener Chirurg sein. Keine Ahnung, wie es dann weitergeht. Bis gestern. Da hab ich mir folgendes überlegt:

Die noch druckfrische Facharzturkunde wird erstmal in eine Schublade gepackt. Der Welpe packt auch ein paar Sachen, schnappt sich sein Around-the-World-Ticket und fährt los. Zu Freunden in aller Welt. Schaut sich Notaufnahmen an und OPs überall, von Alaska über Asien bis Feuerland. Von medizinischer Grundversorgung im Himalaya bis zum Schockraummanagement in Chicago. Die Flying Doctors in Australien und ein Mercy Ship vor Afrika. Ein MVZ in Castrop-Rauxel und eine Buschklinik in Namibia. Höhenmedizin auf Alpentouren und Tauchmedizin in der Karibik. Überall ein bisschen mitspielen und ganz viel lernen.

Und selbstverständlich wird darüber gebloggt. Nicht täglich (ihr kennt das), aber doch immer wieder.

Ein Jahr lang um die Welt und die verschiedenen Facetten der Notfallmedizin und Chirurgie kennenlernen und davon erzählen.

Was ich brauche:

Geld - spar ich.

Freunde in aller Welt – hat man für sowas nicht Twitter? Und euch? Und eure Freunde? Wo muss ich unbedingt hin?

einen ordentlichen Plan – muss ich machen.

Ich schlaf noch ein paar mal über diesen Gedanken. Aber vielleicht taucht bald neben der “About”-Seite noch eine “Bekloppter-Plan”-Seite auf. Dann könnt ihr zuschauen, wie aus der bekloppten Idee ein Plan und dann irgendwann Realität wird – vielleicht.

Jetzt mal im Ernst: Was haltet ihr davon?

Vom eigenen Stil

… neinnein, ich spreche hier nicht von Kleidung oder Styling. Dieser Post wird in Jogginghose, ungeschminkt und mit zerzausten Haaren geschrieben.

Aber neulich im Op ist folgendes passiert: Ich durfte etwas operieren. Jetzt keine Riesengroße-Monster-Mehrere-Stunden-OP, aber schon was Richtiges, also auch kein Abszesschen oder Blinddärmchen oder so. Ich stand da also mit meinem Oberarzt und werkelte vor mich hin. Irgendwann kamen wir an einen recht kritischen Punkt und der Oberarzt sagt: “Jetzt schneid mal da und dann machst du *dasundas* und dann *soundso*” Und ich habe gesagt: “Ich würde aber gerne erst *andersschneiden* und dann *soähnlichaberdochandersmachen* damit wir dann *gleichesergebnis* haben.”
Der Oberarzt hat mich kurz forschend angeguckt (der Showdown-Moment sozusagen, denkt euch dramatische Musik) und dann gesagt: “Ja, find ich gut. Mach das.”

Und ich habs gemacht und es wurde gut. Das war ein großer Moment.

Natürlich heißt das nicht, dass ich jetzt für immer alles alleine operieren kann. Ich muss immer noch viel lernen und ich brauche weiterhin jemanden, der mich an der Hand hält und mich geduldig durch neue Operationen hindurchträgt. Manchmal möchte ich auch verzweifeln ob all der Dinge, die ich noch lernen muss.

Aber diese eben geschilderte Situation war ein bisschen wie Fahrradfahren ohne Stützräder. Zwar muss der Oberarzt noch nebenherjoggen, aber auf gerader Strecke kann ich schon alleine Kurs halten. Und irgendwann klappt auch der Alpencross. Alles eine Frage des Trainings.

Flow

Der Dienst ist vorbei. Nach 26 bewegten Stunden an meinem Lieblingsarbeitsplatz parke ich das beste Auto der Welt auf halber Strecke nach Hause. Da gibt es einen Wald. Da werde ich joggen gehen. Jawohl. Hilft ja nix. Nach dem Sport fühle ich mich immer gut, vorher finde ich es immer furchtbar. Je länger ich das vor mir herschiebe, desto furchtbarer wird es, und oft genug bleibt es beim Vorsatz. Deshalb also habe ich mich diesmal kompetent selber ausgetrickst, bin aus den Klinikklamotten direkt in die Laufsachen geschlüpft und stehe jetzt hier. Musik auf die Ohren, und los gehts. Mittel motiviert trabe ich los. Ich rede mir selbst gut zu, verspreche mir, dass ich nach drei Liedern umdrehen darf, wenn ich nicht mehr mag. Dann wollen wir mal.

Ich finde gut einen Rhythmus, die Morgenluft fühlt sich wunderbar an, die Musik hat genau den richtigen Beat. Ich biege in den Wald ein, die Sonne zwischen den Blättern wirft ein wundervolles Muster. Im Wald wird es ein bisschen dunkler, und plötzlich ist die Musik aus. Akku leer oder was? Kurz will ich den MP3-Player aus meiner Tasche fummeln, aber dann fällt mir auf, das ich die Musik gerade überhaupt nicht brauche. Der Takt meiner Schritte auf dem Waldboden, der Wind, mein regelmäßiger Atem, zwitschernde Vögel, Rascheln im Laub, das alles ist mehr als genug. Mein Kopf wird ganz leer und leicht, während ich völlig ohne Anstrengung weiterlaufe.

Da ist es, dieses Gefühl. Der Flow. Es läuft einfach von alleine. Wie manchmal im OP. Wenn es plötzlich keine Worte mehr braucht. Die Instrumente schon in der Hand liegen, bevor man darum gebeten hat. Blicke reichen, um zu wissen, was der Oberarzt als nächstes tun wird. Wenn wir konzentriert in der Operation versinken und alles um uns herum ganz egal wird. Vierhändig im Situs tanzen. Und schließlich, wenn die Arbeit getan wird, uns so breit angrinsen, dass man es auch durch den Mundschutz ganz genau sieht. Uns noch am Tisch mit blutigen Handschuhen steril abklatschen. Flow-OP. Ganz großes Gefühl.

Oder beim Musikmachen. Wenn während eines Konzertes aus Chor und Orchester ein einziges Instrument wird und so viel mehr dabei herauskommt als die Summe aller Musiker. Diese Gänsehaut am ganzen Körper. Versinken in der Musik. Und dann aufpassen, dass man es nicht so schön findet, dass man seinen Einsatz verpasst. Dann ist nämlich ganz schnell Schluss mit Flow.

Nach vierzig Minuten bin ich müde, verschwitzt und glücklich zurück beim besten Auto der Welt. Jetzt aber nix wie ab nach Hause. Duschen, Frühstück, Bett. Ein schöner Tag.

Danke, Flow.

Aus Gründen

Adele hat ja mit “Someone Like You” angeblich das traurigste Lied der letzten 20 Jahre geschrieben. Haben irgendwelche Wissenschaftler herausgefunden. Bei Hirnstrommessungen oder sowas. Ich sag mal so: Bei Liebeskummer in Selbstmitleid baden funktioniert auch ganz gut mit “Wish You Were Here” von Pink Floyd. Oder mit “Ironic” von Alanis Morissette. Oder evtl. auch mit “Alles Ist Gut” von Doro Pesch (wobei ich dann immer ein bisschen an WDR 4 denken muss). Oder mit “Flugzeuge Im Bauch” von Herbert Grönemeyer. Oder mit “Nothing Compares To You” von Sinead O´Connor. Oder… oder… oder…

Irgendwann ist man dann in der “I Will Survive”-Phase. Aber in der Hermes-House-Band-Version. Das ist schonmal ein guter Anfang.

Eigentlich ist es faszinierend. Das es jedes Mal so weh tut. Das man jedes Mal denkt, schlimmer kann es nicht werden. Und das man sich trotzdem wieder verliebt. Und das Risiko eingeht.

Hinfallen. Aufstehen, Dreck abklopfen. Weiterlaufen. Wird schon wieder.

 

Ein Gutes hats ja: Ich hab dann wohl jetzt wieder mehr Zeit zum Bloggen.

Demnächst gibts dann auch wieder Klinik-Content. Versprochen. Und Danke fürs Zuhören.

Was sind so eure All-Time-Favoriten in Sachen Liebeskummerlieder?

 

Ein winzig kleiner Einblick in das Leben von Herrn Schmidt.

Dienst. Gegen 23:30 Uhr ruft die Rettungsstelle an. Männlich, 85 Jahre alt, Verdacht auf Thrombose. Meine Augen verdrehen sich spontan so weit, dass mehrere Minuten lang nur das Weiße zu sehen ist. Glaube ich zumindest. Ich HASSE diese V.a. Thrombosen mitten in der Nacht. Das sind grundsätzlich alte, demente, bettlägrige Herrschaften aus dem Heim, bei denen irgendwann ein dickes Bein aufgefallen ist. Grundsätzlich kommen die spät abends zu uns, bevorzugt Freitags, und grundsätzlich ist eine Eigenanamnese aufgrund fortgeschrittener Demenz nicht möglich und es gibt keine Unterlagen. Das höchste der Gefühle ist eine lieblose, gerne auch telefonische Einweisung durch einen niedergelassenen Kollegen. Da liest man dann schonmal: “V.a Thrombose, DD Herzinsuffizienz, DD AZ-Verschlechterung.” Frei übersetzt: “ich hab keinen Bock, kümmert ihr euch mal”

Entsprechend gelaunt mache ich mich also auf den Weg. Im Behandlungsraum 12 (Der ganz hinten, in der Ecke, der von der Pflege nach Kräften gemieden wird) erwartet mich Herr Schmidt. Vor der Tür halte ich nochmal kurz inne. Sammeln. Professionelles Gesicht aufziehen. Kompetenz ausstrahlen. Tür auf. “Guten Abend, Herr Schmidt”.

Überraschung. Klare Augen, gut gekleideter, distinguierter alter Herr. “Guten Abend, Frau Doktor. Verzeihen Sie bitte, dass ich so spät noch komme, aber ich musste erst meine Frau gut versorgt wissen. Wissen Sie, die kann nicht mehr alleine.”

Wir unterhalten uns kurz, Herr Schmidt macht charmante Scherze, ist ein angenehmer Gesprächspartner. Ich schaue mir sein Bein an, das sieht tatsächlich nicht so richtig gut aus. Einen Ultraschall später haben wir Gewissheit. Eine Thrombose, relativ frisch, ziemlich weit hochgehend, bis fast zur großen Hohlvene reichend. Eigentlich sollte man das operieren. Ich rufe meinen Oberarzt an, der sich auf den Weg macht. Herr Schmidt sieht die ganze Sache kritisch. “Wissen Sie, ich versorge zu Hause meine Frau. Ich kann nicht so lange wegbleiben. Und wer weiß, wie das mit der Operation ausgeht.”

Mein Oberarzt schaut sich die ganze Geschichte auch an. Herr Schmidt zieht sich nach erneutem Ultraschall seine Hose wieder an. Das dauert ein wenig, aber er schafft es alleine. Wenn ich mir vorstelle, wie dieser gebrechliche alte Herr zu Hause seine Ehefrau betüddelt, die scheinbar nach einem Schlaganfall völlig hilflos ist, wird mir ganz anders. Eine Pflegestufe scheint es nicht zu geben. Herr Schmidt ist ganz erstaunt, als wir ihn darauf ansprechen. Das sei doch wohl das mindeste, was er tun könne, nach so langer Ehe. Er werde seine Frau nicht im Stich lassen. Kinder gibt es keine, aber ein Neffe schaut ab und zu vorbei.

Wir entscheiden uns letztlich gegen eine Operation. Herr Schmidt möchte partout nicht bleiben. Wir geben ihm ein Rezept für Kompressionsstrümpfe mit und Bauchspritzen zur Blutverdünnung. Und die Telefonnummer von unserem Sozialdienst. Er soll da mal anrufen. Schließlich gibt es viele Möglichkeiten zur Unterstützung. Es muss ja nicht gleich ein Heim für die Ehefrau sein. Herr Schmidt bedankt sich artig und verlässt etwas wackelig die Rettungsstelle. Einen Krankentransport möchte er nicht. Er nimmt den Bus, sagt er.

Ein paar Tage lang denke ich noch an den tapferen alten Herrn mit den klaren Augen. Dann geht er unter im Patientenwust und Alltagsstrudel.

Einige Monate später, wieder in der Rettungsstelle. Die Internistin ruft uns dazu. Patient mit Sepsis, Focus wahrscheinlich ein Abszess am Rücken. Herr Schmidt. Mindestens zehn Kilo hat er verloren. Und seinen Lebensmut auch. Er spricht kaum noch. Seine Frau ist verstorben. Er ist seit einigen Wochen im Heim. Dort seien aber nur alte Leute. Er vermisst seine Wohnung. Seine Augen sind längst nicht mehr so klar.

Wir operieren den Abszess, aber Herr Schmidt erholt sich nicht mehr von der Blutvergiftung. Er stirbt zwei Tage später. Seine Patientenverfügung hat geregelt, dass er auf keinen Fall wiederbelebt werden soll. Seinen Körper spendet er an die Wissenschaft.