Herr Meier

Heute wieder passiert:

wir hängen im Standby-Modus rum und trinken Kaffee. Ein Anruf für den Oberarzt, von extern.  Er hört eigentlich nur zu, legt dann auf und schaut uns an: „Herr Meier ist tot“.

Gut, könnte man meinen, Menschen sterben, kommt vor. Aber warum wird mein Oberarzt dann angerufen, und warum sind wir dann alle betroffen?

Weil der Herr Meier 93 Tage bei uns lag. Diverse Operationen überstanden hat. Intubiert und beatmet war. Dann tracheotomiert wurde. Mehrfach durch neueste Antibiosen gemeine septische Einschwemmungen überlebt hat. Vielleicht hat er sogar eine neue Herzklappe bekommen, weil seine alte von Endokarditis zerfressen wurde. Herr Meier wurde wochenlang nicht wach, dann drückte er plötzlich auf Aufforderung die Hand. Konnte nach langer Blutwäsche von der CVVH entwöhnt werden. Hat am Ende wieder selber geatmet.

Seine Frau hat uns immer wieder Kuchen mitgebracht. An seinem Geburtstag hingen bunte Luftballons vor seiner Box. Bilder von ihm und seinen Kindern hingen an den Wänden.

Herr Meier ist vor zwei Tagen spontanatmend in die Reha gefahren worden. Hat noch breit gegrinst und uns zum Abschied zugewunken von seinem Tragestühlchen.

Und heute morgen lag er tot in seinem Bett.

Argh.

Wofür machen wir den ganzen Scheiß eigentlich, frag ich mich manchmal.

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4 Gedanken zu „Herr Meier

  1. Das tut mir wirklich leid, ich kann mir vorstellen wie frustrierend das ist! Habt ihr erfahren was das Problem war?
    Versuch an die ganzen Menschen zu denken, die euch nach ebensovielen Komplikationen verlassen, auf eigenen Beinen und dem Weg der Besserung. Dafür macht man den ganzen Scheiß. Denke an dich!

  2. Vielleicht hat es sich für Herrn Meier am Ende doch gelohnt – er scheint euch ja zumindest wohlgemut verlassen zu haben. Jeder hat seine Zeit, ist leider einfach so (ist vielleicht auch gut, daß man das nie vorher weiß).

    Es ist aber schon seltsam, wie oft die Leute nach scheinbarer (Teil-)Genesung plötzlich versterben! Mein Schulleiter und leidenschaftlicher Lateinlehrer starb direkt nach seiner Pensionierung (Bestimmt ein Schulleben-tako-tsubo), aus meinem Bekanntenkreis kenne ich auch jemanden, der nach einer überstandenen Krise eine ausgesprochen fröhliche Woche hatte – um dann abzutreten. Klingt doch eigentlich aber gar nicht so schlecht, ein plötzlicher Tod nach einer Woche der Erleichterung. Vielleicht ist es die Entspannung durch das Wissen um die Erholung, die irgendwie ein „Loslassen“ begünstigt?

    Ihr habt schon alles gut gemacht.

  3. Tja…., ich bin keine Ärztin, nur eine Fachkrankenschwester mit Erfahrungen auf Intensiv seit 1990.

    Den ganzen Scheiß machen wir eigentlich zum Wohle des Patienten. Leider klappt das nicht so ganz. Denn das Wohle des Patienten ist verschoben worden. Die Patienten werden immer älter und es gibt so viele Häuser, die immer noch nicht akteptieren, dass Ende ist, wenn es so ist-auch trotz Patientenverfügung.

    Jugend und Alter forscht wird immer populärer, habe ich den Eindruck-leider.
    Übermotivierte Jungärzte und-schwestern und alte Oberärzte, die meinen *ich kann dem anderen Krankenhaus was über* versuchen sich zu profilieren und meinen, ich kann nix. Sorry…Gang und Gäbe. Ich arbeite ja auch erst 20 Jahre auf Intensivstation. Aber ne alte Schabracke kann nem Neuling ja nix sagen….

    Und sie sind halt der Kosmos.
    Unbedingt 🙂

    So viele Herr Maiers….., monatelang und am Ende…., kaum verlegt-tot.

    Das frustriert am Ende. A**** aufreißen für Nix.

    Dennoch ist Anästhesie für mich die beste Fachrichtung 😉

    Grüße

    Wiebke

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