selektive Duzerei

In meiner Abteilung ist das sehr gemischt mit den Anreden.

Es gibt eine Oberärztin, die vor kurzem noch bei uns Assistentin war, die wird von der ganzen Assistentenrunde geduzt. Noch von früher, sozusagen. Jetzt haben wir eine neue Assistentin, und von dieser lässt sie sich siezen. Irgendwie klingt das ein bisschen krampfig, aber scheinbar möchte die Oberärztin die Respekt-Kurve kriegen, und alles, was nachkommt, wird gesiezt. Unsere Studenten siezen sie jetzt auch. Einerseits kann ich das verstehen, andererseits ist es ein bisschen merkwürdig.

Dann gibt es einen Oberarzt, der bietet selektiv einzelnen Assistenten das Du an, wobei ich dabei kein System erkennen kann. Also, er ist nicht mit „seinen“ Assistenten von seiner Station beim Du, sondern nur mit einigen. Das ist irgendwie schwierig, weil er mich siezt, und dann denk ich gleich, er hat mich nicht so lieb wie die anderen. 😦

Ein anderer, der Leitende, siezt alle Assistenten. Bis auf einen, den er aus einem anderen Haus kennt, von früher, als der eine Famulant war oder PJ´ler und er Assistent. Das ist ja dann irgendwie ok, man kann ja nich wieder aufs Siezen umsteigen nur weil man in der Hierarchie hochrutscht. Oder?

Ich finde das wird alles ein bisschen überbewertet. Ob ich jemanden duze oder sieze, sagt ja nichts über den Grad von Kompetenz aus, die ich demjenigen zutraue. Mein absoluter Lieblings-OA, mit dem ich beim Du bin und mit dem ich auch gerne mal völlig albern herumflachse genießt meinen allergrößten Respekt, und es ist keine Frage, dass er der Chef ist bei medizinischen Entscheidungen.

Eine andere, die ich sieze, find ich inkompetent, und ich hab ganz sicher nicht mehr Respekt vor ihrer Autorität, weil ich Sie zu ihr sage.

Ich finde, Autorität verschafft man sich durch Kompetenz und nicht durch Standeszickereien.

Mit dem Pflegepersonal, von Praktikantin bis Stationsleitung, bin ich konsequent beim Du. Alles andere finde ich total krampfig.

Und ich hoffe, dass, wenn ich groß bin und Oberarzt, ich es schaffe, über Kompetenz meine Autorität zu zementieren! Hugh, ich habe gesprochen!

P.S.: Wie komisch sieht bitte „duzen“ und „siezen“ geschrieben aus? Ich komm nicht klar!

 

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11 Gedanken zu „selektive Duzerei

  1. Bin ja froh zu hören, dass das anderen auch so geht. ich komme mir entweder entsetzlich alt vor, wenn ich von z.B. Schülern, die ich duze, gesiezt werde, oder ich fühle mich, genau wie du sagt, eben ungeliebt, wenn man mich nur mit Sie anspricht und andere mit Du.

  2. Ja, mir geht´s auch so.

    Vor allem ist Respekt genau wie du ja schon sagtest für mich zumindest nicht von „Du“ oder „Sie“ abhängig. Wenn jemand fachlich absolut toll ist, habe ich auch vollsten Respekt, wenn man flachst und sich duzt. Andersherum fällt mir „Sie Arschloch“ auch relativ leicht.

    Mit der Pflege duzen wir uns alle (zumindest die Assistenten) und das Verhältnis untereinander ist supergut 🙂 .

  3. Ist bei uns in der Firma auch so. Grds. sind wie eine „Duz-Company“, aber mit den Großkopferten siezen wir uns alle bis auf die, die schonmal irgendwann 1 Bier zuviel mit denen an irgendeiner Theke dieser Welt genommen haben 😉

    Für mich hängt, genau wie bei Dir und Sophie, die Autorität nicht an der Anrede, sondern an der Kompetenz.

  4. Hm, liebe Kollegin,
    ich tippe mal, Sie sind derzeit unter 30. Wie lange wollen Sie das so machen – bis 4o, 50, 60? Soll mit 40 oder 50, wenn Sie Oberärztin sind, noch die Pflegepraktikantin am ersten Tag, die sich bei Ihnen nie vorgestellt hat, über den Flur rufen „ey, Anna, komm mal her!“
    Wenn Sie duzen, können Sie im Krankenhaus den Kreis der Duzer nur schwer limitieren; sie schreiben ja selbst, wie komisch das für „die anderen“ ist. Und nicht jeder kann Nähe und Respekt/Autorität auseinanderhalten.
    2. Punkt: in dem Moment, wo Sie auch Führungskraft sind: müssen Sie nicht nur fachliche Entscheidungen durchsetzen, sondern Mitarbeiter auch für ihr Verhalten rügen, Vorrechte wie Urlaub/freie Tage zusprechen, Nachteile wie Nachtdienste zuweisen etc. Nun genehmigen Sie einen Urlaub bei einem Duz-Mitarbeiter und lehnen einen bei einem Siez-Mitarbeiter ab – wie sieht das aus?
    3. Punkt: Sie werden irgendwann als jüngere älteren Mitarbeitern Anweisungen geben. Und dann wollen Sie die auch noch duzen? Was glauben Sie denn, was eine 58-jährige Fachärztin dabei empfindet, wenn Sie ihr als jüngere vorschreiben, wie Sie ihre Arbeit zu machen hat; und dann lassen Sie ihr noch nicht einmal den Respekt des „Sie“?

    Mein Fazit war, nach dem zweitem Stellenwechsel noch als Assistenzärztin mich konsequent mit allem Pflegepersonal und allen Oberärzten zu siezen; seitdem ich selber Oberärztin bin, sieze ich mich mit allen Kollegen. (Die Kollegen waren erstaunt, aber es klappt super.)

    Gruss, Tina

    • @ Tina: das klingt ja horrormäßig. Habe jetzt eine Weile darüber nachgedacht und bin fast bei der Ansicht angelangt, dass Sie das nicht Ernst meinen können 🙂

      Ich habe zwar nicht Medizin, dafür aber BWL studiert, und eins meiner Schwerpunkte war Personalführung. Das von Ihnen beschriebene Modell ist definitiv out. Mega-out, toter als tot! Klingt eher nach eiserner Lady als nach einer Führungskraft… Hoffe wirklich, dass sich da nur jmd. einen Spaß erlaubt hat.

      Dann war er aber gut 😀

  5. @Nina:
    Liebe Nina,
    haben Sie denn neben „Modellen“ eigene Führungserfahrung? Ich spreche Ihnen und den anderen Kommentatoren nicht Ihre Empfindungen ab, präsentiere aber einen anderen Standpunkt. Und ich weiss auch von diversen Kollegen, die z.B sich von ihrem Chef zum Duzen genötigt gefühlt haben (das Gespräch mit mir lief dann unter dem Thema „wie kann ich das vermeiden“). Ihre Vorstellung funktioniert gut, wenn alles easy läuft; setzen Sie einen cholerischen Chef an die Spitze, mit dem Sie sich duzen müssen, oder einen distanzlosen Praktikanten auf die Station oder massive Konflikte um die Verteilung der Dienste/der Belastung XY, dann erkennen Sie die zusätzliche Belastung des Duzens. Haben Sie schon vor der Ärztekammer gegen Ihren Vorgesetzten um Ihr Facharztzeugnis kämpfen müssen? Im beruflichen Umfeld sind viele Konflikte denkbar, und sie treten im Krankenhaus auch auf. Das Siezen schafft den Abstand, der auch im Konfliktfall einen respektvollen Umgang aufrechterhalten soll.
    Gruss, Tina

  6. uuh, ich liebe kontroverse Diskussionen. Ich kann verstehen, wenn man an irgendeinem Wendepunkt in seinem Job sagt: „ab jetzt wird gesiezt“. Aber dann bitte konsequent. Alles andere ist doch albern. Da ist zum Beispiel dieser OA, der mit einigen per Du ist, mit mir aber nicht, das dann aber gerne mal vergisst und mich zwischendurch auch duzt. Um dann rot anzulaufen und mich im nächsten Satz wieder zu siezen. Hallo?
    Ich möchte im Moment auch nicht gesiezt werden von den Schwestern und Kollegen. Das fände ich total komisch und hölzern. Solange klar ist, wer was zu sagen hat, ist doch alles gut.
    Und: beschimpfen und inadäquat behandeln lassen muss ich mich auch (und sogar viel mehr) von Vorgesetzten die mich siezen. „Sie Esel“ klingt auch nicht schön. Fragt man sich ob die, die aufs Sie bestehen, grundsätzlich nicht klarkommen und deshalb mit Schimpfworten und Höflichkeits-Aussetzern auffallen oder ob die die ich duze das bei mir nicht machen weil sie mich lieber haben… wobei… z.B. meinen besagten Lieblings-OA hab ich noch NIE jemanden inadäquat anschreien sehen.

  7. LEIDER habe ich noch nicht vor der Ärztekammer um mein Facharztzeugnis kämpfen müssen. Ich wünschte, ich könnte 😉 (Sorry, das hatte jetzt nichts mit der Sache zu tun, nur mit meiner Leidenschaft für die Medizin, die ich leider nicht studiert habe..)

    Für mich hat das was von Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, wenn das negative Verhalten von Einzelnen der „benchmark“ (wie wir BWLer sagen ;-)) für alle wird. Ja, ich habe jede Menge Praxiserfahrung in allen unterschiedlichen Rollen, und die besten Vorgesetzten waren für mich immer die, die ein Interesse für mich als Mensch erkennen ließen, freundlich und gerecht waren. Leute, die eine künstliche Distanz durch Rückkehr zum Sie schaffen wollten, indem sie nach der Beförderung das Sie wieder einführten (ist mir aber nie direkt passiert), finde ich höchst suspekt und in der Regel wird sich darüber auch eher lustig gemacht („der hat es wohl nötig“)

    Wenn man dem Du-Kollegen einen geliebten und dem Sie-Kollegen einen ungeliebten Dienst gibt, sollte das nachvollziehbare Gründe haben und nicht ein Element einer Folge von Bevorzugungen, beim nächsten Mal müsste es anders herum sein. Sonst ist diese Art von „Vetternwirtschaft“ eine Führungsschwäche, die unabhängig von der Ansprache ist.

    Was im Krankenhaus offensichtlich noch nicht flächendeckend angekommen ist, ist, dass die Teamleistung größer ist als die Summe der Einzelleistungen. Das ist 1000fach bewiesen und kann jedes Team auch einfach selber testen. Deshalb gibt es in jedem Wirtschaftsunternehmen eine Fülle von „team building events“, die das Team zusammenschweißen, Vorgesetzte müssen 360° Feedbacks aussetzen und diese mit ihren Mitarbeitern besprechen etc etc.

    Das setzt aber auch voraus, dass das unbedeutendste Glied der Kette („die Pflegepraktikantin am ersten Tag“) ebenso in ihrer Rolle für das Team gewertschätzt und nicht herablassend behandelt wird.

    Ich hatte bis vor kurzem einen Chef (hat leider Karriere gemacht ;-)), der für mich einfach der perfekte Prototyp war. Sehr sympathisch, mit uns auch persönlich verbandelt, er hat Arbeit ohne Ende bei uns eingelastet, sich umkehrt aber auch, wenn Kritik von außen (oder oben) kam, sich kompromisslos vor uns gestellt. Wir haben uns alle ein Beinchen für ihn ausgerissen – ich habe sogar, als ich noch etwas für ihn fertig machen musste, mich mit 39,5° Fieber ins office geschleppt. Das hätte ich nicht gemusst, ist klar, aber ich wollte ihn auch nicht hängenlassen.

    Ein Arschloch ist ein Arschloch, aber er sollte nicht der Maßstab für das gesamte Team werden!

  8. Ohne jetzt ganz so tief in die Diskussion einsteigen zu können und momentan zu wollen, kann ich nur von mir und meinen Berufserlebnissen berichten:
    Bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst kenne ich kaum jemanden (u ehrlich zus ein, keinen) der sich siezen lässt. Vom ersten Tag an stellt man sich mit Vornamen vor und duzt sich, egal ob, Chef, Praktikant oder Kollege…und bei uns im RettD machen das auch die Notärzte mit. Ist auch einfacher, weil es im Notfall einfacher über die Lippen geht zu sagen „Max, Adrenalin“ als zu sagen „Herr Meier, Adrenalin“.

    Finde auch, dass Respekt und Autorität etwas ist, was durch seine Handlungen und Entscheidungen kommt, nicht durch das siezen und auch nicht durch die Position, die man innehat. Wenn man eine Position hat, in der man keinen Respekt bekommt, hat man den falschen Posten.

    Ich denke, die kollegen respektieren einen, egal ob jünger oder älter, wenn sie merken, dass man „es drauf“ hat und die Entscheidungen nachvollziehbar und logisch sind. Dafür ist es notwendig, dass man transparent seine Entscheidungen trifft und auch begründen kann.

    Den Führungsstil „Was ich sage, zählt und das muss ich nicht begründen“ ist sowas von schlecht!

    oO, hab mich ja jetzt doch weitergehend geäußert….naja, egal. 😉

    LG
    Rettungsdienstblog

  9. Nachtrag -: Ich mag es gar nicht, ungefragt gedutzt zu werden. – Im Internet ja, da gehört es dazu, dass man sich mit den anderen duzt. – Doch im realen Leben ist das – aus meiner Sicht betrachtet – respektlos, von oben herab gedutzt zu werden. – Was ist so schlimm daran, wenn man mich zuvor fragt, ob mir das geduzt werden recht ist ? Mehr als „nein“ sagen, kann ich nicht. 😉 – Ich duze ja auch nicht jeden einfach so, sei es weil der/die jenige älter und/oder ranghöher als ich ist. Betreffend meines Berufes – ich bin Studentin – und dem duzen : Kollegen/ja , Lehrveranstaltungsleiter/Professoren – nein – auch oder gerade weil einige nur wenige Jahre älter als ich sind.

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