Zapfenstreich

ist ja heute, vom Herrn Wulff, BuPrä a.D.

Aber darauf will ich eigentlich gar nicht hinaus. Zapfenstreich war nämlich auch für den neuen Kollegen. Nur ohne Wunschmusik. Nach einem eindringlichen Gespräch mit den Vorgesetzten hat man sich einvernehmlich darauf geeinigt, seinen Vertrag nach Ende der Probezeit auslaufen zu lassen.

Durch die Reihe der Assistenten ging ein erleichtertes Raunen. Dem ganzen vorweggegangen ist eine schier unendliche Liste an kleinen Verpeilern, größeren Ungeschicklichkeiten und gefährlichen Beinahekatastrophen. Der NK hat in den sechs Monaten, die er bei uns verbracht hat, gefühlt tatsächlich GAR NIX gelernt. Und als wir „erfahrenen“ Assistenten (oh, ja, da steht es. Welpenschutz greift sowas von nicht mehr in der Realität… ich bin eine von den Großen!) den Oberärzten dann kommuniziert haben, dass wir bitte-danke keine Dienste mehr mit NK machen werden (weil allein ihn zu beaufsichtigen ein Vollzeitjob ist, wer macht denn dann die Patientenversorgung), da haben sie dann aufgehorcht, sich das eine Weile angeguckt, versucht, einen Weg zu finden, und schließlich die Konsequenzen gezogen.

Was mich angeht, ich schwanke zwischen Mitgefühl und Erleichterung. Mitgefühl, weil es glaube ich ganz fürchterlich ist, gesagt zu bekommen, dass man für einen Beruf (seinen Traumberuf?!) nicht geeignet ist. Kann einen ja auch schonmal runterziehen. Wenn ich dann irgendeinen seiner Aufnahmebögen in der Hand hatte und sehe, wie er mit schwarzem Füller und Schönschrift die Familienanamnese der Tante vierten Grades auch noch aufgeschrieben hat, dann rührt mich das ja ein bisschen. Mühe hat er sich schon gegeben, zwischendurch. Nur dann muss ich daran denken, dass er für besagten Anamnesebogen (bei einer Patientin, die z.B. zur Gallenblasenentfernung kam) 3-4 Stunden gebraucht hat, und außerdem vergessen hat, die Medikamentenallergie der Patientin zu erwähnen, und sich außerdem dann Überstunden aufgeschrieben hat, die er mit „Stationsarbeit, die die Kollegen nicht geschafft haben“ begründet hat, dann überwiegt doch wieder die Erleichterung.

Es ist ja aber auch so, dass man manchmal, wenn eine Gruppe anderer erst einmal ein Bild von einem hat, gar keine Möglichkeit hat, dieses wieder zu revidieren. Wenn einmal alle denken, man ist ein nutzloser Trottel, dann wird glaube ich auch nur noch selektiv wahrgenommen und man selber wird immer unsicherer und ist irgendwann tatsächlich ein nutzloser Trottel.

Von daher hoffe ich, dass der Gute sich berappelt und irgendwo anders (vielleicht nicht gerade einem Maximalversorger) in Ruhe von vorne anfangen kann.

Was bleibt, ist ein neues Wort. So wie wulffen. Wenn jemand einen Arztbrief aus irgendwelchen Gründen nicht rechtzeitig fertig gemacht hat und es dann prokrastiniert, sagt er: ich habe den Brief „geneuerkolleget“. Ihr versteht schon.

Advertisements

4 Gedanken zu „Zapfenstreich

  1. Er kann ja in die Forschung – oder in die Forensik. Da sind die Patienten schon tot und es kommt auf 2 oder 3 Stunden auch nicht mehr an. Ich als „Endverbraucher“ (sprich Patient) möchte dann doch lieber von einem unfreundlichen, aber fähigen Schnösel behandelt werden als von einem Gurkenteezubereiter. Wobei es sicher denkbar angenehme Alternativen gibt.
    Für Sie sollte das Erleichterungsgefühl überwiegen, vor allem, da die Selbstreflektion des NK offenbar nur im Mybereich vorhanden ist.

  2. Was dem Zapfenstreich vorausgegangen ist, das war ja mehr als nur starker Tobak, da scheint so eine Entscheidung zwingend notwendig. Hoffentlich hat sich jemand vorher Zeit genommen, ihm klarzumachen, was er ändern muß, mögliche Konsequenzen erklärt und das dann auch aktiv mit ihm zusammen nachverfolgt, bevor man ihn zu Recht herausgekickt hat.
    So etwas kommt oft leider viel zu kurz und im Krankenhaus sind die Oberärzte meist doch eher Ärzte als Vorgesetzte.

    • Also es gab da Gespräche mit den Oberärzten und andere mit dem Assistentensprecher. Gefruchtet hat es leider nichts. Naja, wie gesagt, vermutlich ist es für den NK auch gut noch einmal bei Null anfangen zu müssen/können. Vielleicht nimmt er sich ja doch den ein oder anderen Ratschlag an.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s