Ein Notfall im Dienst…

Abends um halb elf klingelt mein Diensttelefon. War ja klar. Egal um welche Uhrzeit ich versuche, ins Bett zu gehen, zuverlässig bimmelt es immer genau dann, wenn ich gerade die Decke bis zu den Ohren hochgezogen habe. Halb elf war aber vielleicht auch was optimistisch.

Auf jeden Fall ist eine der Nachtschwestern dran. „Du, die Frau K… hat blutig erbrochen. Mehrere Schalen voll…“ Uh. nicht gut. Frau K. wurde letzte Woche operiert, wir haben ein Stück Dickdarm rausgeschnitten, weil sie eine Divertikulose hatte und mehrmals schon Entzündungen. Nach der OP hat Frau K. sich ein bisschen schwergetan, der Darm war noch ein bisschen träge, so dass sie jetzt, acht Tage post-op, erstens immer noch bei uns liegt und zweitens immer noch bestenfalls einen Joghurt am Tag isst. Naja. Soweit kein Grund zur Sorge, manchmal dauert es halt länger, bis sich ein Bauch von so einer Rumwühlerei in ihm erholt.

Aber mehrere Schalen frisches Blut zu erbrechen, das ist ein Grund zur Sorge. Ich wälze mich also aus dem Bett, ziehe mich wieder an und laufe auf die Station. Da sitzt Frau K auf ihrem Bett, ganz zusammengekauert und blass um die Nase, man möchte sie am liebsten in den Arm nehmen. „Frauuu Doookter, habe ich vieel gebreecht!“ sagt sie und zeigt auf einen Eimer (wohlgemerkt Eimer, nicht etwa die üblichen Nierenschälchen) in dem sich undefinierbare, dunkelrote Matsche befindet.

Ich schreite also zum Unvermeidbaren, nehme Blut ab incl. Kreuzblut (falls sie Blutkonserven brauchen sollte), hänge erstmal zum Flüssigkeitsersatz eine Infusion an und rufe den diensthabenden Gastroenterologen an. Zu Hause. Den Hintergrund-Diensthabenden. Also einen Oberarzt einer fremden Fachabteilung. Der muss da nämlich jetzt reingucken in den Magen von Frau K. Da gibt es nichts zu diskutieren. Das sieht der Kollege auch nach ein wenig Gefluche, Geschimpfe und Gejammere ein. Ich weiß, es ist mittlerweile 23 Uhr, ich finds auch nicht gut, aber was soll es. Blutiges Erbrechen in dem Ausmaß ist eine Indikation für eine Notfall-ÖGD, das wissen wir beide. Es hilft nix. Der Kollege verspricht, sich sofort auf den Weg zu machen. Puh. Mein Kopf ist noch dran.

Ich schaue nach Frau K. Sie sitzt weiter blass in ihrem Bett, hat aber nicht mehr erbrochen. Ein bisschen übel ist ihr noch. Das Blut, das ich abgenommen habe, ist schon zum Teil untersucht. Der Hb (quasi die „Blutmenge“) ist stabil geblieben. Aber das heißt nichts, in einer akuten Blutungssituation hat der Körper am Anfang gar keine Zeit, das noch übriggebliebene Blut zu verdünnen. Da kann man ganz schön reinfallen. Da ist der Hb in einem Moment noch zweistellig und im nächsten Moment ist der Patient fast verblutet. Naja, wie dem auch sei, ich organisiere ein Intensivbett und fahre Frau K. dann zur Magenspiegelung. Wir müssen noch kurz vor der Tür warten. Da schaut sie mich aus Ihren dunklen Rehaugen an und sagt mit piepsender Stimme: „Frauu Dokteer. Habe iiiiech Suuuppe gegessen. Mit roooote Beeeete.“

*argh*

„Viel Suppe?“ Frau K. zeigt mit ihren Händen. Viel Suppe, offensichtlich. DIE hat sie also wieder ausgebrochen. Uhoh. Ich lasse im Geiste an mir vorbeiziehen, wer mich alles beschimpfen oder auslachen wird: der Kollege auf Intensiv… die Nachtschwester… der Gastroenterologe, der extra um diese Uhrzeit…

In dem Moment öffnen sich die Türen, Frau K.´s Bett mit meiner mittlerweile nicht mehr so blassen Patientin wird hineingezogen. Ich schweige.

Wer 2 Liter Rote-Beete-Suppe um 10 Uhr Abends isst, hat eine Magenspiegelung verdient. Natürlich bleibt diese o.p.B.; also ohne pathologischen Befund. Das Intensivbett brauchen wir aber dann doch nicht.

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18 Gedanken zu „Ein Notfall im Dienst…

  1. „Ich lasse im Geiste an mir vorbeiziehen, wer mich alles beschimpfen oder auslachen wird“

    Wäre das nicht sonne Info, die von der Schwester hätte kommen müssen? Oder so die dezente Frage „Was und wann haben Sie denn als letztes gegessen?“, bevor man einen armen Welpen aus dem Bett klingelt 😉

    • Naja, grundsätzlich schon. Bei dieser Dame haben wir halt aber einfach nicht damit gerechnet, weil wir sie alle als „Kostaufbau-noch-nicht-richtig-erfolgt“ abgespeichert hatten. So kann man sich irren 😉

      • War ja auch nicht ganz falsch, das mit dem noch nicht richtig erfolgten Kostaufbau, sonst wäre die Suppe ja den natürlichen Weg allen irdischens gegangen….
        Aber wenigstens mal eine Patientin die aktiv am Genesungsprozess mitarbeitet!
        Weiter so kann man da nur sagen!
        Hoffe doch, das Intensivbett wurde wieder abbestellt?

  2. Hi, Hi…. Ich kenn das ganze von meiner Tochter letzten Samstag, da waren es aber Heidelbeeren. Die unverdauten Schalen sahen dabei aber noch aus wie Blutgerinsel 🙂
    Hab aber auch erstmal lange überlegen müssen…..

  3. Uffz… ich musste zum Ende schmunzeln, aber das liest sich erstmal echt heftig. Gut, dass es dann so ausgegangen ist. Auch wenns schwer fällt – besser so als anders herum, was das Ergebnis betrifft 😉

  4. Zu blöd zum Nachfragen und die Strafe in Form der Magenspiegelung kassiert die Patientin. Man wünschte der Frau Notärztin in einer ähnlichen Situation ein ebenso hilfloses Gegenüber…

    • Also… es gibt in der Medizin Situationen, in denen muss man schnell handeln. Eine vermutete große Blutung aus dem Magen-Darm-Trakt ist eine dieser Situationen. Da gibt es dann Dinge, die man einfach tun sollte. Im Idealfall laufen diese Dinge halbautomatisch ab, also man denkt nicht über jeden Schritt einzeln nach, sondern hat ein Schema und hakt einfach ab. Das haben wir bei dieser Patientin gemacht. Ganz ehrlich, selbst wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass sie diese Suppe gegessen hatte, wäre sie um die beschriebene Diagnostik nicht drumherum gekommen. Patienten nach großen Operationen haben nunmal ein erhöhtes Risiko für die Ausbildung eines Magengeschwürs („Stress-Ulcus“), und das muss man dann berücksichtigen. Wenn ich gesagt hätte: „jaja, die hat halt die Suppe ausgebrochen“ und finde ein paar Stunden später eine verblutete oder wahlweise an ihrem Blut erstickte Patientin vor, das wäre dramatisch gewesen.
      Außerdem bitte ich zu beachten, das in diesem Blog rein fiktionale Geschichten erzählt werden. Es könnte so oder ähnlich passiert sein oder noch passieren, aber ich gebe hier ganz sicher nicht eins zu eins wahre Geschichten aus der Klinik wieder. Aber, wie gesagt, es könnte so wirklich passieren, und ich würde so wirklich handeln.

  5. Arrogante Fehlbesetzung,
    klar, dass mein Kommentar nicht veröffentlicht wurde. Wer sich solche Schnitzer erlaubt und Kettchen mit den „ARROGANZ“-Anhängern um Hals, Hände und Füße trägt, der fürchtet sich vor Kritik. Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass ich der Anfängerin genau ein solches Gegenüber in einer Notsituation wünsche…
    Leider gibt es für das Medizinstudium keine Aufnahmeprüfung in sozialer Kompetenz!

    • Nochmal also: Der Kommentar war noch nicht veröffentlicht, weil ich die letzten 24 Stunden im Dienst war und ich diesen Kommentar nicht unbeantwortet stehen lassen wollte.
      Anhänger trage ich nicht in der Klinik, aus Hygienegründen, und die Sache mit der sozialen Kompetenzprüfung könnte für Blogkommentatoren genauso gelten.
      Den nächsten inadäquat zickigen, beleidigten, beleidigenden und agressiven Kommentar werde ich dann tatsächlich nicht mehr veröffentlichen.

    • Ich denke sie schreibt den Blog, weil sie Spaß am schreiben hat und nicht um sich von anderen Menschen durch ihre unqualifizierten Kommentare anmachen zu lassen. Deswegen steht es ja wohl jedem Blogautor frei welche Kommentare er veröffentlicht oder nicht. (Zudem er ja aus gutem Grund später veröffentlicht wurde). Reichlich arrogant finde ich zu dem solche Aussagen über die soziale Kompetenz von Menschen zu treffen von denen man (wenn es hoch kommt) ein paar Blogartikel gelesen hat, aber privat und persönlich noch nie ein Wort geredet hat.
      Manche Menschen sollten ihre Energie lieber darin verwenden anderen zu Helfen anstatt Anderen ihre angeblichen Fehler vor zu halten und hier rum zu bitchen.
      (Nur meine persönliche Meinung zu diesem Disput hier)

  6. Wow, was geht denn hier ab?
    Man wünscht der übermotivierten Kommentatorin, auch mal übermüdet aus dem Bett geklingelt zu werden und hofft, dass sie dann noch daran denkt, geistesgegenwärtig irgendwelche absurden Szenarien im Hinterkopf durchzuspielen, für den Fall dass irgendetwas total weit hergeholtes die harmlose Ursache für ein vermeintliches Problem ist… Meine Güte. 😉

  7. @marleneken:
    Einfach nur nervig, wie die ethische Keule da rausgeholt wird.
    Kann man nicht mal bisschen entspannt sein…?!?

    Lass dich davon bloß nicht beeindrucken, liebe chirurgenwelpin!!

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