Mein Hund und mein Chef

Ich bin ja auf dem Land großgeworden. In so einem Dorf, mit Kühen nebenan und Pferden auf der Wiese und frische-Milch-beim-Bauern-holen am Wochenende und das ganze Programm.

Voll schön.

Da in dem Dorf gabs auch einen Hund, mit dem ich immer spazieren gegangen bin. Sein Name „Flocke“ war vielleicht nicht ganz intuitiv, der Gute war ein Labrador-Mischling und schon ein ganz schöner Brocken. Eine Seele von Hund, hätte nie jemandem etwas zu Leide getan, aber durchaus eine respektable Erscheinung.

Flocke und ich sind also gerne mal durch die Wälder und Wiesen gestreift und hatten es schön, jeder hing seinen Gedanken nach und Flocke war immer in einem 300-Meter-Radius um mich rum. Da gab es aber einen Bauernhof ganz hinten im Dorf, der hatte einen bösen Hund. Eigentlich war der immer angeleint, eines Tages aber halt nicht.

Ich, 11 oder 12 Jahre alt, lauf also nichtsahnend über den Feldweg, da kommt plötzlich dieser maligne Hund auf mich zu und knurrt schon von weitem und bellt und guckt voll böse und ist sehr sehr bedrohlich. Ich dachte mein letztes Stündlein hat geschlagen, weglaufen ging nicht, alles was ich tun konnte war nach Flocke zu rufen. Und da hättet ihr ihn sehen sollen. Flocke, der sich sonst eher gemütlich umgeguckt hat, wenn man wollte dass er zu einem kommt, nach dem Motto „jaja, Alte, ruf du mal, siehst du nicht dass ich hier noch beschäftigt bin…“, Flocke also wetzt wie ein geölter Blitz über das Feld, stellt sich zwischen mich und den bösen Hund, stellt die Nackenhaare hoch und macht den anderen Hund mit seiner Gestik so mürbe, dass der sich trollt, ohne dass jemandem ein Haar gekrümmt wurde. Puh. Er muss die Panik in meiner Stimme bemerkt und den Ernst der Situation erkannt haben, und als ich ihn brauchte war er sofort da.

Und so ist mein Chef auch. Gott sei Dank. Immer verpeilt und in seiner eigenen Welt beschäftigt, aber wenn man ihn braucht, steht er hinter oder vor einem, je nach Situation, und man wird beschützt.

Danke, Chef. Dafür verzeihe ich ihm sogar das ewige WDR 4- Gejaule im OP.

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Das böse D-Wort…

oohh… eigentlich habe ich mir vorgenommen, heute direkt nach der Arbeit an meiner Doktorarbeit weiterzuschreiben. Ich fass es nicht, dass ich das seit mittlerweile nunmehr vier Jahren vor mir herschiebe. Im Auto wurde ich dann so müde. Dann musste ich ein bisschen schlafen, jetzt muss ich ein bisschen bloggen, gleich muss ich noch was essen, und vielleicht Wäsche waschen.

Argh.

Man darf niemals und unter keinen Umständen einen Arzt auf seine Doktorarbeit ansprechen, wenn nicht Dr. med. auf dem Namensschildchen steht. Auch nicht, wenn man der Chef ist, dem ggf. versprochen wurde, dass man „nur noch schreiben“ muss und ganz bestimmt allerspätestens 6 Monate nach Einstellung besagten Titel sein eigen nennt. Ich hoffe der Chef hat mir geglaubt, als ich mich selber mit meinem Handy auf meinem Diensttelefon angerufen hab und so getan habe als müsste ich dringend weg. Gnah. Gnah, gnah, gnah.

„Nur noch schreiben“ muss ich seit vier Jahren! Aber naja, dann kanns auch bis morgen warten. Oder bis zum Wochenende. Oder bis zum Urlaub. Argh. Aber dieses Jahr auf jeden Fall, ich schwör.

UND JETZT WILL ICH DA NICHT MEHR DRÜBER REDEN!!!

Chronik einer Nacht

Ich hab auch mal mitgemacht. So wie z.B. die Kollegen hier, hier und hier. Also, eine beliebige Nacht: here we go:

20:30 – auf dem Sofa aufgewacht. Es ist Zeit. Höchste Zeit. Auf zum Nachtdienst

21:02 – so gut wie pünktlich zur Übergabe da… Kollegin rödelt noch rum… erstmal ne Runde Solitär spielen

21:08 – lief grad gut, egal, Übergabe muss sein.

21:45 – Visite beendet. Die meisten Patienten sind Selbstläufer und sollten die Nacht über auf Autopilot laufen. Sollten. Zwei Betten frei, eine OP im Orbit, aber noch nicht da. Der Spätdienst verschwindet.

21:48 – Anruf von der Rettungsstelle: Rupturiertes BAA auf dem Weg.

22:00 – BAA noch nicht da. Solitär.

22:30 – BAA immer noch nicht da. Labore gucken, Specials für morgen nachmelden.

23:10 – BAA immer noch nicht da. Anruf geträumt? Vorsichtiger Rückruf – sind im OP. Aha. Entspannung. Solitär.

23:30 – aus purer Langeweile diverse BGAs gemacht. An diversen Beatmungsgeräten gespielt. Große Medizin.

23:45 – ein EK gegeben. Läuft morgen eh ab.

00:30 – Der Patient aus dem OP erscheint. Schnell untersuchen, wird nachbeatmet, hat bereits alle möglichen maximalinvasiven Zugänge.

01:05 – Kurve für neuen Patienten geschrieben, da schon mal am Computer ein bisschen Solitär.

01:45 – ein Patient kriegt Atropin weil bradykard, ein anderer Betablocker weil tachykard. Erwäge die beiden in ein Zimmer zusammenzuschieben zwecks normfrequenter Durchschnitts-Herzfrequenz. Wäre allerdings immernoch hypotoner Durchschnitts-Blutdruck. Schmeiße eine Runde Noradrenalin.

02:00 – Essen. Gibt Kartoffelgratin mit Gemüse. Yammie.

03:00 – Gab auch noch Eis. Fressnarkose. Kurz Augen zu. Kissen besorgt, Decken besorgt. Nest unter Schreibtisch gebaut.

03:05 – kurz erwogen, die Patientin im Nachbarzimmer zu intubieren. Schnarcht zu laut, ich kann nicht schlafen.

03:25 – das BAA kommt an.

03:31 – das BAA kriegt zwei Konserven.

03:50 – das BAA kriegt ein FFP.

04:00 – BGA vom BAA schön geworden. Noch ein paar andere BGAs gemacht, da schon dabei. Bisschen Kalium verteilt, bisschen Kalzium verteilt. Laborkosmetik für Chefvisite.

04:15 – Vögeln beim Singen zugehört. Hurra, Frühling.

04:30 – Bisschen Doku, Verläufe geschrieben, Kurven geschrieben. Solitär.

04:45 – Patient beim Bluten zugeguckt. Chirurgen gerufen. EKs, Volumen, OP. Die Armen. Waren gerade erst im Bett.

05:00 – Kontrollrunde mit Blick in alle Boxen: scheint ruhig. Kalium-Perfusor gefunden, ausgestellt.

05:15 – Solitär.

06:00 – Argh! Die Piccos! Schnell gemessen, alles gut.

06:30 – Guten Morgen, liebe Kollegen, guten Morgen, Chef!

06:35 – ersten Anschiss kassiert für Begebenheiten aus dem Wochenende über die ich Nachtdienst-Unglücksrabe berichten muss.

06:55 – drei weitere Anschisse später Frühvisite überlebt.

07:00 – Höchst pünktlich Ort des Geschehens verlassen. Brötchen holen.

07:35 – Frühstück, Bett. Hurra, Vorbei. Ruhige Nacht.