Herr Meier

Heute wieder passiert:

wir hängen im Standby-Modus rum und trinken Kaffee. Ein Anruf für den Oberarzt, von extern.  Er hört eigentlich nur zu, legt dann auf und schaut uns an: „Herr Meier ist tot“.

Gut, könnte man meinen, Menschen sterben, kommt vor. Aber warum wird mein Oberarzt dann angerufen, und warum sind wir dann alle betroffen?

Weil der Herr Meier 93 Tage bei uns lag. Diverse Operationen überstanden hat. Intubiert und beatmet war. Dann tracheotomiert wurde. Mehrfach durch neueste Antibiosen gemeine septische Einschwemmungen überlebt hat. Vielleicht hat er sogar eine neue Herzklappe bekommen, weil seine alte von Endokarditis zerfressen wurde. Herr Meier wurde wochenlang nicht wach, dann drückte er plötzlich auf Aufforderung die Hand. Konnte nach langer Blutwäsche von der CVVH entwöhnt werden. Hat am Ende wieder selber geatmet.

Seine Frau hat uns immer wieder Kuchen mitgebracht. An seinem Geburtstag hingen bunte Luftballons vor seiner Box. Bilder von ihm und seinen Kindern hingen an den Wänden.

Herr Meier ist vor zwei Tagen spontanatmend in die Reha gefahren worden. Hat noch breit gegrinst und uns zum Abschied zugewunken von seinem Tragestühlchen.

Und heute morgen lag er tot in seinem Bett.

Argh.

Wofür machen wir den ganzen Scheiß eigentlich, frag ich mich manchmal.

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