EM-Fieber

Die deutsche Mannschaft kann sich für die drei Siege bei mir bedanken. Erstmal, herzlichen Glückwunsch, Jungs, schön gespielt und so, ABER, was ihr vielleicht nicht wisst:

Der Vorrunden-Triple kam ausschließlich deshalb zusammen, weil folgende Faktoren zusammentrafen:

1. Der Chirurgenwelpe hatte an JEDEM Spieltag der Nationalmannschaft Dienst.

2. Niemals durfte das erste Tor der Partie durch den Chirurgenwelpen gesehen werden.

3. Beim Abpfiff durfte der Chirurgenwelpe gucken.

4. (und das ist besonders wichtig im Hinblick auf die folgenden Spiele!) Unmittelbar nach Abpfiff musste der Chirurgenwelpe wieder arbeiten.*

Hab ich gerne gemacht, für die Nationalmannschaft.
Ansonsten verfolge ich die Spiele ein bisschen im gar nicht so kompetenzfreien EM-Tagebuch hier. Voll schön auch das Gedicht um Béla Réthys Garten. Das dürft ihr nicht verpassen.

* Das ist so klassisch, man glaubt es kaum. Während des Spiels passiert nichts. Die einzigen Gestalten im Wartezimmer der Rettungsstelle sind Patienten, die wegen des großen Fernsehers lieber dort als im Zimmer schauen wollen. Rudelgucken, sozusagen. Die organisieren sich ihre Pizza und sind froh. Diese Strauchballen aus Westernfilmen wehen über die Flure. Stille. Evtl. Jubel.
Sollte man lonesome Retter und draußen unterwegs sein, das gleiche Bild. Man fährt vielleicht noch den einen Einsatz zu Ende, der eine halbe Stunde vor Anpfiff reinkam. Dann zurück auf die Wache. Fußball gucken. Mit den anderen. Ruhe.
Die Schwestern in der Klinik ziehen sich in den Aufenthaltsraum zurück, sie haben ihre Runde heute ein wenig früher gemacht. Ruhe.

Bis zwei Minuten nach Abpfiff alle Melder im Raum fast zeitgleich anspringen. Feuerwehr, RTW, KTW, NEF, alle. Bis die Rettungsstelle zwei Minuten nach Abpfiff von einer Welle neuer Patienten regelrecht heimgesucht wird, die sich am Tresen drängeln. Bis in allen Patientenzimmern zwei Minuten nach Abpfiff die roten Lämpchen an den Türen angehen.

Nur kurz hat der Klinik-Wahnsinn die Luft angehalten. War ja schließlich Fußball.

Von der Liebe

Ich war mit dem NEF unterwegs. Meldebild: „Person nicht ansprechbar“. Das kann ja gerne alles sein. Von „hat nix“ bis „reanimationspflichtig“, alles schon dagewesen. Ich störe mich ja grundsätzlich an diesem „ansprechbar“. Was bedeutet das bitte? Ich kann auch eine Stuhllehne ansprechen. Ein Felsklotz ist auch ansprechbar. Die Frage ist ja eigentlich nach der Reaktion auf dieses Ansprechen. Gibt es die? Und wenn ja, ist sie adäquat?

Aber ich schweife ab. Wir sind also auf dem Weg zu dieser nicht ansprechbaren Person. In eine Stadtgegend, die wohl, als dieser Häuserblock in den 60ern gebaut wurde, ganz schön gewesen sein muss. Mittlerweile aber ziemlich verlottert, hoher Anteil an Arbeitslosigkeit und Gewalt. Man rollt also schon ein bisschen mit den Augen, wenn es in diese Richtung geht. Wir sind da. Vierter Stock, Aufzug kaputt, war ja klar. Also zu Fuß. Der Rettungswagen trifft zeitgleich mit uns ein, gemeinsam schlörren wir also die Ausrüstung nach oben.

In der Wohnungstür erwartet uns ein hutzeliger Opi mit wässrigen Augen, die einmal beeindruckend blau gewesen sein müssen. Wir folgen ihm auf seine Aufforderung hin ins Schlafzimmer. Liebevoll eingerichtete, gut gepflegte Wohnung. Mit Oma-und Opa-Details, bei denen ich ein bisschen Heimweh nach glückseligen Kindheitstagen bekomme.

Unsere Patientin liegt im Bett. Wach. Ansprechbar. Mit adäquater Reaktion auf Ansprache. Während die Jungs das Standard- Monitoring anbringen, frage ich, was los ist. Letztlich bleibt es schwammig. Die Dame hatte bis vor einigen Tagen einen Infekt der oberen Atemwege, fühlt sich schlapp, kam heute nicht so recht aus dem Bett, irgendwie wollen die 87jährigen Knochen nicht so wie sonst. Getrunken hat sie auch nicht so viel in den letzten Tagen, und es ist ziemlich warm. Im EKG zeigt sich ein Vorhoffflimmern. Auf Nachfrage ist sich Frau Müller nicht sicher, ob dieses bekannt sei. „Heinzi…“ sagt sie. „Heinzi, hol doch mal den Brief vom Dokter. Der ist in der schwarzen Schublade, du weißt schon!“ Ihr Ehemann setzt sich langsam in Bewegung. Das Laufen fällt ihm schwer, auch er ist weit über 80 Jahre alt. Schließlich ruft er aus dem Nebenzimmer, dass er den Brief nicht findet. Frau Müller verdreht milde lächelnd in meine Richtung die Augen. „Die Männer immer… total hilflos ohne uns!“ Dann erteilt sie ihrem Heinzi so lange Anweisungen, bis er den gewünschten Brief heranbringt. Nichts bekannt von Herzrhythmusstörungen. Es hilft nichts, wir müssen Frau Müller mit ins Krankenhaus nehmen.

Behutsam setzen wir sie auf den Tragestuhl. Ihr Ehemann folgt uns. An der Wohnungstür läuft eine einzelne Träne seine Wange hinunter. Er wischt sie nicht weg. „Wissen Sie, wir sind jetzt seit 63 Jahren verheiratet!“ Dann wendet er sich zu seiner Elsa. „Pass auf Dich auf, mein Mädchen… Und komm bald wieder!“

Urplötzlich habe ich was im Auge. In beiden Augen. Aber nur kurz. Dann geht es schon wieder. Elsa ist ganz pragmatisch. Sie streicht ihrem Heinz über die Wange: „Pass Du bloß auf Dich auf, hier so ganz alleine! Ruf die Kinder an!“

Wir ziehen los.

Lernen, Lernen, Popernen

Am Wochenende war ich mal wieder auf dem NEF unterwegs. Wie immer gab es Heiteres, Aufregendes, Spannendes, Schönes und Trauriges. Einiges findet sich vielleicht in diesem Blog wieder, wenn ein bisschen Zeit vergangen ist.

Dieses Mal hatte ich aber einen Praktikanten dabei. Also einen Kollegen, der seine Fahrten sammelt, damit er selber Notarzt werden kann. Bei uns muss man (zusätzlich zu anderen Anforderungen, selbstverständlich), um die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin zu erwerben und sich damit selber für das schnelle Auto mit dem Blaulicht zu qualifizieren, 50 Einsätze mit einem erfahrenen Notarzt (in diesem Falle also ich, hüstel) mitfahren. Der Praktikant war ein sehr netter, motivierter junger Kollege. Hat Spaß gemacht. Und hat mir gezeigt, wieviel ich in den letzten 1,5 Jahren dann doch irgendwie gelernt habe.

Als der Melder -stilecht beim Frühstück- zum ersten Mal gerappelt hat („V.a. auf Apoplex“), ist der Junge wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und saß schon im Auto, bevor ich überhaupt den Impuls „Aufstehen“ an meine müden Glieder gegeben hatte. Ziemlich blass um die Nase war er, der Gute. Ich habe ihn dann machen lassen -hat er gut gemacht- und das Ganze wohlwollend aus dem Hintergrund beobachtet. Und habe mich, während er mit roten Bäckchen um den Patienten herumgesprungen ist, so sehr an meine Anfänge erinnert gefühlt.

Damals… als ich noch klein war. Mein erster Notarztdienst ganz alleine dauerte 12 Stunden. Von 1/2 8 bis 19:30 Uhr. Mann, war ich AUFGEREGT! Ich habe selbstredend die ganze Nacht davor nicht geschlafen. Morgens um 6 war ich gestriegelt und gespornt in meinen nagelneuen Notarztklamotten und den bis dahin ungetragenen Haix Airpower X1. Eine liebe Freundin hat mich zur Wache gefahren. Meine Herzfrequenz lag bei etwa 300 bpm. Es gibt ein Foto von diesem denkwürdigen Morgen, und ich gucke original wie ein Reh im Fernlicht, kurz bevor es vom Auto erfasst wird. Eine Mischung aus Panik, Resignation und noch ein bisschen Panik. Und NOCH ein bisschen Panik.

Da stand ich dann also, an der Rettungswache. Vor dem NEF. Vor MEINEM Notarzt-Einsatz-Fahrzeug. Argh.

Die nächsten vier Stunden hatte ich ganz entspannt Zeit, mich weiter reinzusteigern in meine Angst, denn WIR HATTEN KEINEN EINSATZ. ARGH. Ich wollte es irgendwann einfach hinter mir haben. Ich wollte zum ersten Mal den Melder quittieren, mich ins Auto setzen und zur Einsatzstelle gefahren werden. Naja. Das dauerte. Stattdessen holte mich die Müdigkeit ein und ich nickte immer wieder auf dem Sofa weg. Aber nur kurz, dann flammte dieser EINE Gedanke wieder auf. Ich bin DER NOTARZT. Wenn jetzt da draußen irgendwas passiert, dann werde ICH angerufen. Dabei kann ich doch GAR NIX!!! Und zapp, war ich hellwach und der Puls ging wieder durch die Decke.

Naja. Und so weiter. Letzlich habe ich überlebt, meine Patienten auch, und alles wurde gut.

Versteht das nicht falsch: Ich bin nicht gleichgültig geworden. Eine gewisse Grundspannung ist  immer noch vorhanden, wenn ich mit dem NEF unterwegs bin. Und ich hoffe die bleibt auch. Ich lerne viel, immer noch, immer wieder. Und natürlich bin ich immer mal wieder immer noch SEHR aufgeregt (siehe ein paar Posts weiter unten). Aber was ich mittlerweile kann, ist, mich zwischendurch zu entspannen. Und mir selber zu vertrauen. Das ist eine ganze Menge wert.

Letztlich ist es eigentlich wie immer, wenn man irgendetwas lernt. Beim ersten Mal ist es noch ganz aufregend und besonders und wild, und irgendwann macht man es einfach. Ob es jetzt ums Viggo-Legen geht, ums Notarzt-Fahren, um den ersten Arbeitstag, das erste Date oder ums Autofahren. Man muss nur „das erste Mal“ überstehen, dann klappt das schon. Und irgendwann ertappt man sich dann dabei, dass man Dinge, über die man vorher ewig gegrübelt hat, selbstverständlich tut. Und gar nicht darüber nachdenkt. Bam.

 

Und eure „ersten Male“ so? Erzählt mal!

P.S.:… Ich bin gespannt, was da wieder für Suchanfragen eintrudeln werden bei dem Stichwort 😉

Geschichten vom NEF

Es ist Sommer. Wir sitzen vor der Wache und lassen uns bei einer kalten Cola die Sonne auf den Pelz scheinen. Wie immer, wenn es extrem gemütlich ist und man gerade denkt „geht ja eigentlich, heute….“ rappelt der Melder. Gnah. Wir rappeln auch, und zwar uns auf. Meine heutige bessere Hälfte, Karl, einer meiner liebsten Rettungsassistenten, hat auf dem Weg zum Auto etwas Vorsprung, weil ich noch meine Schuhe anziehen muss. Er schaut zuerst auf seinen Melder und wird plötzlich arg flink, dafür, dass er ein alter Hase ist und ihn eigentlich nichts so schnell aus der Spur bringt. Ich hechte hinterher und schaue erst im Auto auf den Text. Da steht: Leblose Person, Kind 6-12 Jahre, Freibad xy.

Während wir mit heulendem Horn und Blaulicht losheizen, wird mir heiß und kalt abwechselnd. Argh. Ein Kind. Argh, leblos. Argh, im Freibad. Ganz schlecht. Ich möchte nach Hause. Am besten zu meiner Mama. Am allerbesten zurück in den Uterus.

Über Funk erhalten wir die Information, dass das Kind aus dem Wasser gezogen wurde und durch die Bademeister reanimiert wird. SO schnell war ich noch nie unterwegs, in der Stadt. Karl hat die Zähne zusammengebissen und jagt unser NEF durch den Nachmittagsverkehr. Ich versuche, mir die Kinderreanimationsleitlinien und Dosierungen für die gängigen Medikamente ins Gedächtnis zu rufen – aber gerade könnte ich gefühlt wohl noch nicht einmal meinen Namen fehlerfrei schreiben. Karl wirft mir einen kurzen Seitenblick zu. Ich muss furchtbar eingeschüchtert aussehen. Er murmelt: „Das wird schon, Mädchen!“ und legt nochmals einen Zahn zu. Selbstredend befindet sich das betreffende Freibad am anderen Ende unseres Wachgebietes. Der Weg dahin dauert EWIG und doch sind wir dann plötzlich schon da. Vor dem Freibad zwei Satellitenübertragungswagen von irgendwelchen Geiern, die den Funk abgehört haben. Ich bemerke sie nur deshalb, weil sie uns fast die Einfahrt versperren. Wir fahren soweit wie möglich auf das Gelände. Auf den ersten Blick nichts Besonderes, Menschen auf den Wiesen, Picknicks, Musik, wie das halt so ist im Freibad. Auf den zweiten Blick aber doch ganz anders. Das Schwimmerbecken ist leer. Kaum Gespräche, überall atemlose Stille, ungläubiges Schweigen. Da, am Beckenrand, ein Knäuel Menschen. Ich springe aus dem Auto noch bevor wir stehen. „Ich geh schonmal!“ Karl nickt nur und holt den Kindernotfallkoffer aus dem hinteren Teil des NEF – ich sprinte derweil schon über die Wiese. Extrem unprofessionell, ich weiß, aber das ging nicht anders. Etwas atemlos komme ich am Knäuel an, welches sich für mich teilt, ich renne bis in die Mitte und sehe ein zartes Mädchen, es liegt auf dem Boden auf einer Decke und … es weint. Es schreit bitterlich und weint und weint. Ein Brocken in Größe des Mount Everest fällt mir vom Herzen. Erstmal durchatmen. Wer weint, lebt. Wer weint, muss nicht reanimiert werden. Gut. Puh. Dann gucken. Das Kind zittert, die beiden Bademeister nicht minder, meint man. Während Karl nun auch eintrifft und Sättigung (gut), EKG (schnell, aber ok) und eine Decke am Kind anbringt, versuche ich die Lungen abzuhören. Aber bei dem Gebrülle? Keine Chance. Wir wickeln die Kleine gut in die Decke ein und tragen sie in Richtung des mittlerweile eingetroffenen RTW. Die Bademeister erzählen, sie hätten das Kind im Wasser treibend gefunden, auf dem Bauch, es schnell an Land gezogen und bei fehlenden Atembewegungen begonnen, zu reanimieren. Daraufhin habe die Kleine dann angefangen zu schreien. Und dann wären wir schon da gewesen. Ah. So schnell ging das? Wie erwähnt ist mein Zeitempfinden komplett aufgehoben. Die Kleine ist mittlerweile im maximal aufgeheizten RTW, bekommt eine warme Infusion und ein Kuscheltier und beruhigt sich langsam. Ich kann nun sogar auf ihre Lunge hören, ein bisschen Rasselgeräusche, sie wird sicherlich Wasser verschluckt haben. Gut. Nicht lang schnacken, ab auf die Kinderintensiv. Während Karl uns dort anmeldet, fällt mir noch ein klitzekleines Detail ein. Dieses Kind war sicherlich nicht alleine hier. Wo sind die Angehörigen? Mutter? Vater? Letztlich findet sich ein relativ verstörter Onkel, den wir nach kurzer Info im RTW mitnehmen.

Problemlos geben wir die Kleine auf der Intensivstation ab. Den Teddy darf sie selbstverständlich behalten. Und wir, wir gönnen uns erstmal ein RICHTIG großes Eis.

 

Pro-Tips für Patienten/2

Heute: der korrekte Umgang mit dem Notarzt.

Lieber Patient, liebe Patientin.

Wir sind für Sie da. 24/7, 365 Tage im Jahr. Unser Beruf ist im besten Fall Berufung, und wir freuen uns, wenn wir Ihnen helfen können. Machen Sie ein bisschen mit. Wir wären Ihnen für folgendes dankbar.

1. Wenn Sie uns gerufen haben, weil Sie Luftnot haben, begrüßen SIe uns bitte nicht mit den Worten: „Darf ich noch eine rauchen bevor wir ins Krankenhaus fahren?“

2. Vermeiden Sie auf alle Fälle den Satz: „Ich hab das schon seit drei Wochen, aber jetzt mach ich mir doch langsam Sorgen, weil es nicht weg geht…“ Vermeiden Sie diesen Satz bitte vor allem um 3 Uhr nachts.

3. Wir sind gleich da. Wirklich. Sie brauchen uns nicht mit dem Auto entgegenzufahren. Vor allem nicht, wenn Sie uns gerufen haben, weil Sie betrunken waren und gestürzt sind.

4. Machen Sie uns doch die Tür auf. Auch wenn Sie es sich anders überlegt haben. Sonst befürchten wir, es ist etwas Schlimmes passiert. Dann machen WIR die Tür auf. Unter Umständen mit Kollateralschaden.

5. Tun Sie den Hund weg. Der ist bestimmt ganz lieb. Aber im Zweifelsfall trotzdem im Weg.

6. Rufen Sie uns, wenn Sie plötzlich Druck auf der Brust haben. Oder Luftnot. Oder eine Körperhälfte nicht mehr bewegen können. Dann brauchen Sie nicht zu warten, ob „es morgen besser ist“.

7. Wir nehmen Sie nicht mit ins Krankenhaus, weil uns sonst langweilig wäre. Wenn Sie sich so schlecht fühlen, dass Sie uns rufen, dann kommen Sie doch auch bitte mit, wenn wir denken, Sie gehören in die Klinik.

8. Drohen Sie uns nicht mit der Polizei. Bitte. Das ist doch nicht nötig. Und, kleiner Insider-Tipp: Die werden im Zweifelsfall auf unserer Seite sein.

Und wenn Sie uns wirklich einen Gefallen tun wollen und es Ihnen nicht zu schlecht dafür geht, sind wir sehr dankbar um eine Medikamentenliste und/oder den letzten Entlassbrief aus der Klinik. Echt jetzt.

Mit den allerbesten Grüßen!

Der Chirurgenwelpe.

Freud und Leid…

Die Sache ist nämlich die: man muss ein komisches Gleichgewicht wahren zwischen persönlichem Erfolg und/oder Eigeninteresse und dramatischem Patientenschicksal.

So haben wir neulich viel zu spät am frühen Nachmittag eine Whipple´sche Operation begonnen: Die Entfernung von Teilen der Bauchspeicheldrüse, des Dünndarmes, der Gallenblase, eines Stückchens Magen führt man beim Pankreaskopfkarzinom durch. Nachdem man einen relativ zentralen Knotenpunkt des menschlichen Verdauungstraktes, den Bauchspeicheldrüsenkopf, entfernt hat, muss man all die losen Enden wieder vernähen. Dauert gerne mal länger. Ich sah meine Abendplanung also schon den Bach hinuntergehen, aber gut, was muss, das muss.

Wir hatten uns also im OP eingerichtet, der Chef schnitt voller Elan in den Bauch, WDR4 erfüllte den Saal mit grauenschwungvoller Musik, der Anästhesist war gerade eingeschlafen… da finden wir ein Stippchen im Bauchfell. Und noch eins. Und einen etwas größeren Knoten da am Dünndarm. Oh. Das fühlt sich nicht gut an. Der Chef nimmt eine Probe, die als Schnellschnitt in die Pathologie geht. Und operiert gedämpfter Stimmung weiter. Eine halbe Stunde später klingelt das Telefon: Das eingeschickte Gewebestückchen ist eine Metastase. Der Krebs war schneller als wir, hat Absiedelungen im ganzen Bauch gebildet. Heißt, die geplante Operation ist sinnlos. Zu spät. Wird nicht durchgeführt. Keine Chance mehr. Wir werden nur eine Umgehung für Nahrung und Gallenflüssigkeit schaffen und uns zurückziehen. Und was ist mein erster Gedanke? „Ah, ein Glück, wenn wir nicht whippeln schaff ichs noch rechtzeitig zum Yoga.“

Danach ein Haufen Schuldgefühle. Und am nächsten Tag muss das ja jemand dem Patienten sagen. Dass wir die OP, auf die er seine ganze Hoffnung gesetzt hat, nicht durchführen konnten. Der Krebs ist noch da drin, in Ihrem Bauch. Wir können Ihnen nicht helfen. Da hätte ich dann fast mitgeheult.

Wenn er wach ist und ich mit ihm spreche, ist es ein Patient, ein Mensch. Da kann ich mitfühlen. Aber hallo.

Oder, auch neulich: Wir reanimieren im OP vor uns hin. Patient, eigentlich Routine-OP, gefäßchirurgisch halt, die haben ja fast immer was am Herzen oder sonstwo, sind kränker als sie aussehen. Hat einfach abgestellt bei der Einleitung. Herz wurde ganz langsam. Dann schlug es nicht mehr. Ich bin dran mit Drücken, schaue dabei auf den Monitor, sehe die arterielle Druckkurve, die ich durch die Thoraxkompressionen produziere, und denk mir so: „BAM, ich schaff nen hundertzwanziger Druck!“. Und eine Zehntelsekunde später schäme ich mich fürchterlich. Aber in dem Moment muss ich ausblenden, darf nicht daran denken, dass da gerade ein Familienvater, ein Ehemann, der liebe Opi unter meinen Händen liegt.

Das kommt dann später. Wenn ich mit den Angehörigen gesprochen habe, die mit blassen Gesichtern und um Fassung bemüht vor der Intensivstation sitzen. Dann verstecke ich mich im Arztzimmer, trinke lauwarmen Kaffee und starre eine Weile ins Leere.

Oder wenn ich einen Zugang lege und, aus sportlichem Ehrgeiz, eine extragroße Nadel nehmen will. Oh mann… wem will ich denn da was beweisen? In den allermeisten Fällen kann ich mich zum Glück zurückhalten. So groß wie nötig, so klein wie möglich.

Oder wenn wir draußen reanimieren. Relativ junge Frau, zu jung zum Sterben zumindest, eigentlich keine relevanten Vorerkrankungen. Hat die Augen verdreht. Ist vom Stuhl gefallen beim Abendessen. Die hilflosen Freunde haben ihr noch die Füße hochgelegt. Keiner hat angefangen zu drücken. Sie haben ihr Luft zugefächert. Wir, das Notfall-Überfallkommando, stürmen die Szene. Eine Reanimation ist ein relativ dankbarer Notfall. Wir wissen alle was zu tun ist. Aber wir haben halt acht Minuten Anfahrtszeit. Von Notruf bis Losfahren sind es vielleicht auch nochmal zwei Minuten. 10 Minuten ohne Sauerstoff, das ist sehr lange für so ein Gehirn, für so einen Herzmuskel, für so einen Menschen. Zu lange, in den allermeisten Fällen. Und auch hier nützt unser Ballett nichts, obwohl wir alle Register ziehen. Die Frau kommt nicht wieder. Irgendwann brechen wir ab. Ich denke trotzdem: Das haben wir gut gemacht. Jeder Handgriff saß. Wir waren ein gutes Team. Und ich bin stolz auf uns. „Danke, Jungs, das war gut!“

Gleichzeitig fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken. Nichts bringt den im Nebenzimmer sitzenden Freunden ihre Franziska wieder. Wie kann ich stolz sein? Ich konnte nicht helfen. Wir konnten nicht helfen. Aber wir haben doch alles richtig gemacht! Zwei Seelen in meiner Brust.
Dann gebe ich mir einen Ruck und öffne die Tür zum Nebenzimmer. Ich habe mein Stethoskop noch in der Hand. Da muss ich mich ein bisschen dran festhalten, jetzt, bei dem Gespräch mit Franziskas Freunden.

Zusammenhangloses

1.: erwäge zu twittern. Noch eine Web2.0-Geschichte, wegen der ich ein schlechtes Gewissen haben kann, weil ich so lang nix schreibe. Allerdings Hemmschwelle wohl (offensichtlich) nicht so groß. Und Artikel kürzer. Und wahrscheinlich DAS Prokrastinationstool vor dem Herrn. Vielleicht wird aber auch eine Revolution daraus geboren. #wiedemauchsei

2.: Norman geht es gar nicht gut. Der Arme. Ich glaub er packts nicht. Die Frage: DNR? Organspende? Oh weia.

3.: Hurra, bei Nr. 1 zum ersten Mal in meinem Leben ein #Hashtag benutzt. Rege mich ständig über #Leute auf, die #ständig #sinnlose #Hashtags #benutzen…

4.: Diese Woche gar keine Dienste, nur Kernarbeitszeit. Weiß nix mit mir anzufangen

5.: Nr. 4 war ein Scherz.

6.: Zumindest teilweise.

7.: Kommt eigentlich bald der Sommer? Das hätte ich sehr gerne.

8.: muss aber erst 10 Kilo abnehmen. Zwecks Bikinifigur. Sollte in zwei Wochen klappen (Dies ist eindeutiger Mädchencontent, @docangel!)

9.: Fahr bald Skifahren. Kriege im Moment allerdings schon Muskelkater, wenn ich beim NEF-Fahren 3x mit den (sehr schweren!!) Stahlkappenschuhen und dem Koffer in den zweiten Stock muss. Wohl nicht so 100% in Form, gerade…Wird hart. Werde Ibuprofen und Pantozol einpacken, hilft auch gegen den Kater nach dem Après-Ski. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Bin eben doch ein Fuchs.

10. Genug für heute. Gute Nacht!