Freud und Leid…

Februar 23, 2012

Die Sache ist nämlich die: man muss ein komisches Gleichgewicht wahren zwischen persönlichem Erfolg und/oder Eigeninteresse und dramatischem Patientenschicksal.

So haben wir neulich viel zu spät am frühen Nachmittag eine Whipple´sche Operation begonnen: Die Entfernung von Teilen der Bauchspeicheldrüse, des Dünndarmes, der Gallenblase, eines Stückchens Magen führt man beim Pankreaskopfkarzinom durch. Nachdem man einen relativ zentralen Knotenpunkt des menschlichen Verdauungstraktes, den Bauchspeicheldrüsenkopf, entfernt hat, muss man all die losen Enden wieder vernähen. Dauert gerne mal länger. Ich sah meine Abendplanung also schon den Bach hinuntergehen, aber gut, was muss, das muss.

Wir hatten uns also im OP eingerichtet, der Chef schnitt voller Elan in den Bauch, WDR4 erfüllte den Saal mit grauenschwungvoller Musik, der Anästhesist war gerade eingeschlafen… da finden wir ein Stippchen im Bauchfell. Und noch eins. Und einen etwas größeren Knoten da am Dünndarm. Oh. Das fühlt sich nicht gut an. Der Chef nimmt eine Probe, die als Schnellschnitt in die Pathologie geht. Und operiert gedämpfter Stimmung weiter. Eine halbe Stunde später klingelt das Telefon: Das eingeschickte Gewebestückchen ist eine Metastase. Der Krebs war schneller als wir, hat Absiedelungen im ganzen Bauch gebildet. Heißt, die geplante Operation ist sinnlos. Zu spät. Wird nicht durchgeführt. Keine Chance mehr. Wir werden nur eine Umgehung für Nahrung und Gallenflüssigkeit schaffen und uns zurückziehen. Und was ist mein erster Gedanke? “Ah, ein Glück, wenn wir nicht whippeln schaff ichs noch rechtzeitig zum Yoga.”

Danach ein Haufen Schuldgefühle. Und am nächsten Tag muss das ja jemand dem Patienten sagen. Dass wir die OP, auf die er seine ganze Hoffnung gesetzt hat, nicht durchführen konnten. Der Krebs ist noch da drin, in Ihrem Bauch. Wir können Ihnen nicht helfen. Da hätte ich dann fast mitgeheult.

Wenn er wach ist und ich mit ihm spreche, ist es ein Patient, ein Mensch. Da kann ich mitfühlen. Aber hallo.

Oder, auch neulich: Wir reanimieren im OP vor uns hin. Patient, eigentlich Routine-OP, gefäßchirurgisch halt, die haben ja fast immer was am Herzen oder sonstwo, sind kränker als sie aussehen. Hat einfach abgestellt bei der Einleitung. Herz wurde ganz langsam. Dann schlug es nicht mehr. Ich bin dran mit Drücken, schaue dabei auf den Monitor, sehe die arterielle Druckkurve, die ich durch die Thoraxkompressionen produziere, und denk mir so: “BAM, ich schaff nen hundertzwanziger Druck!”. Und eine Zehntelsekunde später schäme ich mich fürchterlich. Aber in dem Moment muss ich ausblenden, darf nicht daran denken, dass da gerade ein Familienvater, ein Ehemann, der liebe Opi unter meinen Händen liegt.

Das kommt dann später. Wenn ich mit den Angehörigen gesprochen habe, die mit blassen Gesichtern und um Fassung bemüht vor der Intensivstation sitzen. Dann verstecke ich mich im Arztzimmer, trinke lauwarmen Kaffee und starre eine Weile ins Leere.

Oder wenn ich einen Zugang lege und, aus sportlichem Ehrgeiz, eine extragroße Nadel nehmen will. Oh mann… wem will ich denn da was beweisen? In den allermeisten Fällen kann ich mich zum Glück zurückhalten. So groß wie nötig, so klein wie möglich.

Oder wenn wir draußen reanimieren. Relativ junge Frau, zu jung zum Sterben zumindest, eigentlich keine relevanten Vorerkrankungen. Hat die Augen verdreht. Ist vom Stuhl gefallen beim Abendessen. Die hilflosen Freunde haben ihr noch die Füße hochgelegt. Keiner hat angefangen zu drücken. Sie haben ihr Luft zugefächert. Wir, das Notfall-Überfallkommando, stürmen die Szene. Eine Reanimation ist ein relativ dankbarer Notfall. Wir wissen alle was zu tun ist. Aber wir haben halt acht Minuten Anfahrtszeit. Von Notruf bis Losfahren sind es vielleicht auch nochmal zwei Minuten. 10 Minuten ohne Sauerstoff, das ist sehr lange für so ein Gehirn, für so einen Herzmuskel, für so einen Menschen. Zu lange, in den allermeisten Fällen. Und auch hier nützt unser Ballett nichts, obwohl wir alle Register ziehen. Die Frau kommt nicht wieder. Irgendwann brechen wir ab. Ich denke trotzdem: Das haben wir gut gemacht. Jeder Handgriff saß. Wir waren ein gutes Team. Und ich bin stolz auf uns. “Danke, Jungs, das war gut!”

Gleichzeitig fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken. Nichts bringt den im Nebenzimmer sitzenden Freunden ihre Franziska wieder. Wie kann ich stolz sein? Ich konnte nicht helfen. Wir konnten nicht helfen. Aber wir haben doch alles richtig gemacht! Zwei Seelen in meiner Brust.
Dann gebe ich mir einen Ruck und öffne die Tür zum Nebenzimmer. Ich habe mein Stethoskop noch in der Hand. Da muss ich mich ein bisschen dran festhalten, jetzt, bei dem Gespräch mit Franziskas Freunden.

Blogroll

Februar 15, 2012

So Kinder,

Wie angekündigt habe ich nun, anlässlich der Rückkehr unserer Lieblingschaosheldin, meine Blogroll mal überarbeitet.

Der Krangewarefahrer fährt entweder kranke Ware, oder einen merkwürdig geschriebenen Krankenwagen oder ich weiß doch auch nicht. Auf jeden Fall schön!

Der Rettungslehrling wird Rettungsassistent und wird uns an diesem Weg teilhaben lassen. Man ist gespannt und freut sich auf reichlich Geschichten. Er hat sein Blog gerade erst angefangen, nicht so wie die anderen beiden, die ich noch verlinkt habe. Die sind nämlich wahrlich Blogger-Urgesteine und haben wahrscheinlich schon gebloggt, als ich Steto Stheeto Schtätos ‘Hörrohr für Ärzte’ noch nicht mal buchstabieren konnte.

Bei Anke Gröner geht es um gutes Essen, gute Musik, gute Bücher und Fußball. Interessante Mischung, immer schön zu lesen, manchmal nachdenklich stimmend, manchmal belastend, wenn sie es mit ihren Schnucki-Lobpreisungen (Mario Gomez!!) übertreibt. Trotzdem uneingeschränkte Leseempfehlung.

Die liebe Nessy bloggt wirklich bezaubernd über einen Alltag zwischen wilder Familie, Ghettonetto und Nachbarn mit Migrationshintergründen. Wunderbar zu lesen!

Eigentlich sind die zwei jetzt nur in meiner Blogroll damit ich da schneller hinkomme, ich geh mal davon aus dass ihr die eh schon kennt, gelle?

Sonst nix Neues, hab noch Urlaub. Und gestern gerafft, dass ich tatsächlich am Rosenmontag NEF-Dienst habe. Das kann ja heiter werden. Werde im Zweifelsfall einfach so tun, als sei ich als Notarzt verkleidet, und fleißig trinken. Helau und Alaaf. Mist.

Hurra!

Februar 12, 2012

Da isse wieder, unsere Heldin

willkommen zurück, du hast gefehlt!

 

dann muss ich bei Gelegenheit auch mal wieder die Blogroll aufrüsten. Aber jetzt nicht, ich hab schließlich Ferien.

 

Der neue Kollege…

Januar 17, 2012

… gibt sich weiterhin alle Mühe, seinen ersten Eindruck zu halten und vielleicht auch noch zu übertrumpfen. Nachdem er sich im letzten halben Jahr durch unglaublichsten Größenwahn (“den Brief kannst Du ausdrucken, den hab ich schon gegengelesen, ist ok so” – Hallo?!) und unglaublichste manuelle (“Also hier im OP greifen die Pinzetten ja irgendwie alle nicht”) und soziale (“Ich arbeite hier nur noch weg, was der Stationsarzt wieder nicht geschafft hat”) Ungeschicklichkeit hervorgetan hat, hat er heute den Vogel abgeschossen. Jemand hat seinen Schrank geöffnet und die ein oder andere Akte gefunden, die er “nochmal in Ruhe durchgehen” wollte, bevor er den endgültigen Entlassbrief dazu schreibt. Hallo? Es handelt sich um chirurgische Entlassbriefe. Erst ein stationärer Aufenthalt von mehr als drei Monaten rechtfertigt hier mehr als einen Dreizeiler. Naja. Wie dem auch sei, zu Gute halten muss man ihm, dass er es ja gründlich machen wollte mit den Entlassbriefen. Jetzt wurde er für den Rest der Woche von der Stationsarbeit freigestellt, damit er endlich diese Briefe schreibt. Gefühlt sind in diesem Schrank mehr Akten als wir 2011 an Patienten hatten.

Könnte mir ja egal sein, denkt ihr? Der arme Kerl, denkt ihr? Mitnichten. ICH darf die ganzen Briefe jetzt gegenlesen, bevor der Oberarzt unterschreibt. Weil wir ja auf einer Station “zusammen”-arbeiten. Hey, voll schön. Ich wollte schon immer mal Führungspositionen innehaben und Verantwortung und so. Hat wer nen Strick für mich?

Bleibt nur zu hoffen, dass er das mit der Freistellung von der Stationsarbeit ernst nimmt. Dann muss man ihm weniger hinterherräumen. Beim Briefe schreiben kann er auch nicht so viel kaputtmachen, hoffe ich. Gnah.

Twitter

Januar 15, 2012

So. Habe jetzt Twitteraccount. Bin sehr stolz, da Vorsatz noch im Januar in Tat umgesetzt. Hurra. Jetzt erst mal gucken wie das läuft da mit diesen Sachen auf Twitter. Mal sehen.

Ansonsten nix Neues.

Zusammenhangloses

Januar 11, 2012

1.: erwäge zu twittern. Noch eine Web2.0-Geschichte, wegen der ich ein schlechtes Gewissen haben kann, weil ich so lang nix schreibe. Allerdings Hemmschwelle wohl (offensichtlich) nicht so groß. Und Artikel kürzer. Und wahrscheinlich DAS Prokrastinationstool vor dem Herrn. Vielleicht wird aber auch eine Revolution daraus geboren. #wiedemauchsei

2.: Norman geht es gar nicht gut. Der Arme. Ich glaub er packts nicht. Die Frage: DNR? Organspende? Oh weia.

3.: Hurra, bei Nr. 1 zum ersten Mal in meinem Leben ein #Hashtag benutzt. Rege mich ständig über #Leute auf, die #ständig #sinnlose #Hashtags #benutzen…

4.: Diese Woche gar keine Dienste, nur Kernarbeitszeit. Weiß nix mit mir anzufangen

5.: Nr. 4 war ein Scherz.

6.: Zumindest teilweise.

7.: Kommt eigentlich bald der Sommer? Das hätte ich sehr gerne.

8.: muss aber erst 10 Kilo abnehmen. Zwecks Bikinifigur. Sollte in zwei Wochen klappen (Dies ist eindeutiger Mädchencontent, @docangel!)

9.: Fahr bald Skifahren. Kriege im Moment allerdings schon Muskelkater, wenn ich beim NEF-Fahren 3x mit den (sehr schweren!!) Stahlkappenschuhen und dem Koffer in den zweiten Stock muss. Wohl nicht so 100% in Form, gerade…Wird hart. Werde Ibuprofen und Pantozol einpacken, hilft auch gegen den Kater nach dem Après-Ski. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Bin eben doch ein Fuchs.

10. Genug für heute. Gute Nacht!

Neues vom NEF/2

Januar 7, 2012

Ich hab ja das neue Jahr mit einem lecker NEF-Dienst eingeläutet.

Bilanz:

24 h, 16 Einsätze.

Male, die ich mich ein bisschen über die Leitstelle aufgeregt habe: 3

Male, die ich die Leitstelle aufs stärkste verwünscht habe: 1 (nachts, halb 5, sinnfrei)

Male, die ich über den schlechten Witz meines Fahrers gelacht habe: 16 (“oh ha, Verdacht auf Einsatzstelle”)

Male, die ich vom Melder aufgewacht bin: 3,5 (3x Nachts, 0,5x Nickerchen)

Male, die wir bei McDo ungesundes Zeug konsumiert haben: 2

Male, die wir gesunde Sachen gegessen haben: 0,5 (1/2 Banane)

getrunkene Kaffees: geschätzt 7-8

gefahrene Kilometer: 214 (es lebe die Stadtrettung)

Male, die wir den Pat. nicht gefunden haben: 1

Überflüssige Alarmierungen: 3-4

Male, denen wir Pat. geholfen haben: ca. 10

Male, die wir uns mit Pat. geprügelt nicht so gut auf das Transportziel einigen konnten: 1

Male, die wir geblitzt wurden: 10

Patienten, die wir zu Hause gelassen haben: 2

Leben, die wir gerettet haben: 1? oder 2.

Neujahrswünsche

Januar 1, 2012

Liebe Blogleserinnen und -leser (Vorsatz Nr. 1/2012: Genderstreber werden)

ich wünsche euch ein tolles, gesundes, aufregendes, glückliches, frohes, faszinierendes Jahr 2012!

bis bald (Vorsatz 2/2012: regelmäßiger schreiben),

der Chirurgenwelpe (Vorsatz 3/2012: sich weiter jung und wild fühlen)

Norman

Dezember 7, 2011

Es gibt ein neues Familienmitglied:

Norman, die Nordmanntanne. Größe: 90 cm, Gewicht: gefühlte 50 kg. Die stolzen Eltern freuen sich sehr. Er wächst noch, denke ich, das sieht man am Topf. Der sieht ziemlich überdimensioniert aus für unseren kleinen Schatz.

Auf dem Beipackzettel steht allerdings, Norman sei nur “bedingt kulturfähig”. Was bedeutet das jetzt? Sollen wir die Süddeutsche abbestellen und dem Jungen dafür ab und an mal ne “BamS” kaufen? Wird er sich in suizidaler Absicht von seinem Tischlein werfen, wenn wir präweihnachtliche Hausmusik mit diversen Streichinstrumenten und Klavier zum Besten geben? Braucht er regelmäßig Bus(c)hido-Musik? Oder Schlager?

Wir werden sehen. Vielleicht kann sein neues, liebevolles Umfeld ihn auch sanft auf einen kulturreicheren Weg führen. Nature vs Nurture, die ewige Frage.

Werde ihm heute vorsichtig ein bisschen klassische Musik vorspielen. Er wird sich schon melden, wenn ihm das zu viel wird.

Lieber neuer Kollege…

September 29, 2011

… keine Sorge, alle haben Verständnis dafür dass Du Anfänger bist. Niemand erwartet, dass Du alles kannst. Aber bitte, bitte hör auf so zu tun als wärst Du der Oberpeiler. Hör auf, selbstständig Entscheidungen zu treffen, über deren Tragweite Du Dir nicht im Klaren bist, weil Du es nicht für nötig hältst, Dir Hilfe zu holen. Hör auf, alle rumzukommandieren als wüsstest Du als einziger Bescheid.

Du gefährdest die Harmonie der Abteilung, die Sicherheit der Patienten und nicht zuletzt Deine eigene Gesundheit, denn Du strapazierst meine Nerven sehr. Zu sehr.

Oh weia: der Junge macht mich wahnsinnig. Es wird noch zu berichten sein…


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