Kurzes Update

Hab Urlaub. Also als allererstes meine Fingernägel lackiert. Dann ordentlich Sektchen eingebaut. Am nächsten Morgen (also vorhin) an irgendetwas erinnert. Was total schön war. Mein Herz gewärmt hat. Was ich total mochte. Was fast oder doch tatsächlich eine Konstante in den letzten viereinhalb Jahren gewesen ist:

Ich hab ja mal gebloggt, früher! Stimmt ja! Arrrr… immernoch über 200 Klicks am Tag, obwohl ich seit 8 Monaten nichts geschrieben hab. Direkt wieder diese Herzwärme.

Und bevor ich jetzt meinen Rucksack nehme und hoffentlich zeitnah nicht nur Herz- sondern auch Umgebungswärme spüre, sei gesagt:

Alles wie immer. Mal gräme ich mich, mal freue ich mich bei der Arbeit im wildesten Maximalversorger Deutschlands.

Ich bastele heimlich an einem eigenen neuen Blog für den bekloppten Plan und habe so absurdes Fernweh, dass ich es kaum noch aushalte.

Ich habe immernoch nicht promoviert, wiege immer noch gefühlte 5 kg zu viel und habe meine Steuererklärung für dieses Jahr immer noch nicht abgegeben. Ihr habt also nix verpasst.

Aber vielleicht blogge ich jetzt wieder öfter. Das hab ich nämlich *wirklich* vermisst.

Weihnachtsferien

Weihnachten. Da fahren sie alle nach Hause. Sogar der ultracoole, abgeklärte, nie nervöse Notarzt-Oberarzt kriegt Rehaugen und fährt zu Mutti aufs Land. Ernsthaft, ich glaube alle, die keine eigene Kernfamilie gegründet haben, fahren in ihr altes Dorf zurück, schlafen auf ihren 90 cm-Matratzen im alten Jugendzimmer und geben sich die Überdosis Familienidylle.

So hat die komplette Familie Chirurgenwelpe es auch gemacht. Ich hatte frei über die Feiertage. Dachte ich. Da wusste ich noch nicht, dass ich Verwandten- und Freundesprechstunde haben würde. Ich hatte quasi 72 Stunden Bereitschaftsdienst.

Es fing ganz harmlos an. Beim Überbringen der Weihnachtspost an die Nachbarn musste ich kurz ein paar Unklarheiten aus einem Arztbrief übersetzen. Kein Problem. Dauert ja nur 5 Minuten. Und dann aber die Krankengeschichte mir auch nochmal ausführlich anhören. Zurück bis hin zur Appendektomie Ende der fünfziger Jahre. Gut. Wurde dann wohl eine halbe Stunde. Naja. Abends, beim Verwandtenessen, war der Blutdruck von Tantchen, seine Ursachen und mögliche Therapieoptionen (T:“vielleicht doch Globuli?“ CW:“WAAAH!“) so lange Thema, bis ich nur noch halb scherzhaft die Praxisgebühr eintreiben wollte. Nur ganz kurz haben wir dann noch Ommas rezidivierende Harnwegsinfekte beim Nachtisch besprochen. Wirklich nur kurz.

Nagut. Es nähert sich nun der Heiligabend, die Familie Chirurgenwelpe ist sehr besinnlich aus der Dorfkirche zurückgekehrt und hat sich weniger besinnlich schon das ein oder andere Weinchen eingebaut. Die Bescherung naht. Es ist ungefähr halb acht. Das Telefon klingelt. Ich gehe ran. „Ah, schön das du da bist… habt ihr schon Bescherung?“ Eine Freundin meiner Mutter. Es entspannt sich der folgende Dialog:

Chirurgenwelpe: „Ah, hi, schön dich zu hören, nee, gleich erst, frohe Weihnachten.“
Mutterfreundin „Jaja dir auch“

CW: „Soll ich dir die Mama geben?“

MF: „Nee, warte ich geb dir mal meine Tochter, die Karla“ (gut dass sie den Namen dazugesagt hat, hätte ich nämlich spontan nicht mehr parat gehabt).

K: „Hallooo…“

CW: (skeptisch) „Hallo?“

K: „Ja du, ich wollte nur kurz wissen, ich hab ja diese Gallensteine, und jetzt mit dem fettigen Essen über die Feiertage, blablablablablablabla“

CW: „…“

Tja. Ein Viertelstündchen haben wir dann über Ernährung und Pros und Kontras der Cholezystektomie diskutiert. Dann war Bescherung.

Am 25. und 26. 12. rottet sich ja traditionell vieles an Bekannt- und Verwandtschaft zusammen.

„Äh, ich bin in der 20. Woche schwanger, soll ich mich gegen Vogelgrippe impfen lassen?“  – „KEINE AHNUNG!“

„Äh, ich hab da grad kein Rezept da, könntest Du evtl. kurz in der Apotheke vorbeifahren und mir die Pille besorgen?“ – „äh… na KLAR“

„Äh, der Schwippschwager von meinem Hund hat sich den Arm gebrochen, kannst Du mal kurz über die Röntgenbilder schauen…?“ „….“

Nächstes Jahr wünsche ich mir den Heiligabend-24-Stünder in der Klinik, da hab ich wenigstens meine Ruhe…

 

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Disclaimer: In Wirklichkeit freue ich mich natürlich darüber, dass ich ein friedliches Weihnachtsfest im Kreise meiner Liebsten verbringen durfte, bin dankbar für meine heile und gesunde Familie und wünsche mir noch viele solche und ähnliche Feste. Das macht sich nur vom Spannungsbogen her nicht so gut… wisst ihr ja.

Ich hoffe ihr hattet es auch alle schön.

Flow

Der Dienst ist vorbei. Nach 26 bewegten Stunden an meinem Lieblingsarbeitsplatz parke ich das beste Auto der Welt auf halber Strecke nach Hause. Da gibt es einen Wald. Da werde ich joggen gehen. Jawohl. Hilft ja nix. Nach dem Sport fühle ich mich immer gut, vorher finde ich es immer furchtbar. Je länger ich das vor mir herschiebe, desto furchtbarer wird es, und oft genug bleibt es beim Vorsatz. Deshalb also habe ich mich diesmal kompetent selber ausgetrickst, bin aus den Klinikklamotten direkt in die Laufsachen geschlüpft und stehe jetzt hier. Musik auf die Ohren, und los gehts. Mittel motiviert trabe ich los. Ich rede mir selbst gut zu, verspreche mir, dass ich nach drei Liedern umdrehen darf, wenn ich nicht mehr mag. Dann wollen wir mal.

Ich finde gut einen Rhythmus, die Morgenluft fühlt sich wunderbar an, die Musik hat genau den richtigen Beat. Ich biege in den Wald ein, die Sonne zwischen den Blättern wirft ein wundervolles Muster. Im Wald wird es ein bisschen dunkler, und plötzlich ist die Musik aus. Akku leer oder was? Kurz will ich den MP3-Player aus meiner Tasche fummeln, aber dann fällt mir auf, das ich die Musik gerade überhaupt nicht brauche. Der Takt meiner Schritte auf dem Waldboden, der Wind, mein regelmäßiger Atem, zwitschernde Vögel, Rascheln im Laub, das alles ist mehr als genug. Mein Kopf wird ganz leer und leicht, während ich völlig ohne Anstrengung weiterlaufe.

Da ist es, dieses Gefühl. Der Flow. Es läuft einfach von alleine. Wie manchmal im OP. Wenn es plötzlich keine Worte mehr braucht. Die Instrumente schon in der Hand liegen, bevor man darum gebeten hat. Blicke reichen, um zu wissen, was der Oberarzt als nächstes tun wird. Wenn wir konzentriert in der Operation versinken und alles um uns herum ganz egal wird. Vierhändig im Situs tanzen. Und schließlich, wenn die Arbeit getan wird, uns so breit angrinsen, dass man es auch durch den Mundschutz ganz genau sieht. Uns noch am Tisch mit blutigen Handschuhen steril abklatschen. Flow-OP. Ganz großes Gefühl.

Oder beim Musikmachen. Wenn während eines Konzertes aus Chor und Orchester ein einziges Instrument wird und so viel mehr dabei herauskommt als die Summe aller Musiker. Diese Gänsehaut am ganzen Körper. Versinken in der Musik. Und dann aufpassen, dass man es nicht so schön findet, dass man seinen Einsatz verpasst. Dann ist nämlich ganz schnell Schluss mit Flow.

Nach vierzig Minuten bin ich müde, verschwitzt und glücklich zurück beim besten Auto der Welt. Jetzt aber nix wie ab nach Hause. Duschen, Frühstück, Bett. Ein schöner Tag.

Danke, Flow.

Aus Gründen

Adele hat ja mit „Someone Like You“ angeblich das traurigste Lied der letzten 20 Jahre geschrieben. Haben irgendwelche Wissenschaftler herausgefunden. Bei Hirnstrommessungen oder sowas. Ich sag mal so: Bei Liebeskummer in Selbstmitleid baden funktioniert auch ganz gut mit „Wish You Were Here“ von Pink Floyd. Oder mit „Ironic“ von Alanis Morissette. Oder evtl. auch mit „Alles Ist Gut“ von Doro Pesch (wobei ich dann immer ein bisschen an WDR 4 denken muss). Oder mit „Flugzeuge Im Bauch“ von Herbert Grönemeyer. Oder mit „Nothing Compares To You“ von Sinead O´Connor. Oder… oder… oder…

Irgendwann ist man dann in der „I Will Survive“-Phase. Aber in der Hermes-House-Band-Version. Das ist schonmal ein guter Anfang.

Eigentlich ist es faszinierend. Das es jedes Mal so weh tut. Das man jedes Mal denkt, schlimmer kann es nicht werden. Und das man sich trotzdem wieder verliebt. Und das Risiko eingeht.

Hinfallen. Aufstehen, Dreck abklopfen. Weiterlaufen. Wird schon wieder.

 

Ein Gutes hats ja: Ich hab dann wohl jetzt wieder mehr Zeit zum Bloggen.

Demnächst gibts dann auch wieder Klinik-Content. Versprochen. Und Danke fürs Zuhören.

Was sind so eure All-Time-Favoriten in Sachen Liebeskummerlieder?

 

Quartals-Blogger, ich…

ich weiß ich weiß… grad kann ich mich mal wieder nicht aufraffen zum Schreiben. Dabei gibt es so viele Geschichten und Dinge zu berichten, und ihr kommentiert so fleißig und schaut täglich hier rein. Da fühl ich mich ein bisschen schlecht.

Vielen Dank all den Kommentatoren, auch wenn ich grad hier nicht so präsent bin, ich freue mich über eure Gedanken und Anregungen. Vielleicht sag ich auch bald wieder ein bisschen mehr.

Lasst euch das Leben schmecken, ihr Lieben. Geht ins Freibad, grillt draußen, trinkt ein Weinchen, trefft euch mit Freunden, blinzelt in die Sonne, freut euch über die Butterseite!

BIs bald! ❤

Ich will zu meiner Mama!

Oft gedacht in den letzten Jahren. Bei meinem ersten NEF-Dienst (siehe ein paar Posts weiter unten) hätte ich mir so sehr gewünscht, sie säße mit im Auto. Dann wäre ich zu den Patienten gegangen und hätte gesagt: „Guten Tag, ich bin die Notärztin, und das ist meine Mama. Nicht wundern, das muss so.“ Und dann hätte sie mein Händchen gehalten und ich hätte keine Angst haben müssen.

Mamas. Sie bleiben immer Mamas. Genau wie die Kinder immer die Kinder bleiben. Ob man jetzt fünf ist, zwölf, siebzehn oder erwachsen fast dreißig. Mama fragt immer nach, ob wir bei dem Wetter eine Jacke mitgenommen haben. Ob wir was Ordentliches gegessen haben. Dass wir bloß nicht zu spät im Bett waren.

Meine Mama und ich, wir können uns immer noch außerordentlich leidenschaftlich über die Dinge in die Haare bekommen, die schon vor zwanzig Jahren Thema waren. „MAMA! Ich bin doch schon erwachsen!“ „Ja, Kind. Hast Du eine lange Unterhose drunter? Und was ist eigentlich jetzt mit deiner Promotion?“ (Ersetze „Promotion“ durch „Mathehausaufgaben“, und wir sind in 1992…)

Und bei Mama ist immer zu Hause. Wenn sie, falls ich mal bei meinen Eltern übernachtet habe, morgens früh (SEHR früh) mit aufsteht, damit ich Gesellschaft beim Kaffeetrinken habe, bevor ich zur Arbeit muss. Wenn wir gemeinsam Emergency Room schauen (und JEDES MAL herzzerreißend weinen müssen, wenn Dr. Greene stirbt). Wenn wir bei einem Tee dasitzen und den neuesten Gossip in ihrem und meinem Freundeskreis durchhecheln. Wenn sie einfach da ist, wenn ein böser Junge mir das Herz bricht. Wenn ich bei ihr herzhaft und ausdauernd über Vorgesetzte und Kollegen herziehen kann. Und sie bei mir. Wenn sie mir zum Geburtstag einen Kuchen backt. Wenn sie ein Päckchen mit Weihnachtskeksen schickt.

All das ist Mama. Mehr zu Hause geht nicht. Und das ist auch gut so.

Alles Gute zum Muttertag, liebe Mama!

Und alles Gute zum Muttertag all den Mamas da draußen! Lasst euch feiern, ihr habt es verdient!

Kleinigkeiten zum Gutsein…

… werte Leserinnen und Leser, darf ich eure Aufmerksamkeit mal kurz auf die Sidebar lenken: Da seht ihr, mein Blog ist CO2-neutral.
Weil nämlich die wunderbaren Menschen von dieser Homepage hier einen Baum pflanzen und dadurch die durch den Traffic auf dieser Seite erzeugten CO2-Emissionen ausgleichen. Ist das nicht schön? Könnt ihr das auch bitte alle machen?

Außerdem habe ich meine Standard-Suchmaschine umgeändert. Jetzt sucht für mich Ecosia, die grüne Suchmaschine. Googlen Ecosien für den Regenwald. Oder so.

Jetzt fühle ich mich gut.

Und müde.

Gerade hängt es wieder ein wenig mit der Bloggerei. Ich habe da immer so Phasen. Manchmal passieren im echten Leben auf einmal so viele Dinge, die man erstmal ordnen und sortieren muss.

Aber bald gibt es sicher wieder Geschichten aus der Chirurgie und vom Notarztfahren. Und vom Chirurgenkongress und der Hauptstadt und der ersten Begegnung meines Streberkollegen mit einer ordentlichen Cocktailbar… wobei… what happens in Berlin stays in Berlin, oder? Aber lustig wars.